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"Es ist jetzt zu spät"
Interview in der taz vom 19. September 2008, Elise Landschek Die Bundeswehr darf nicht aus Afghanistan abziehen, sagt die gebürtige Afghanin Mariam Notten. Auch wenn sie bislang nichts zustande gebracht habe: Ein Truppenabzug wäre noch viel schlimmer taz: Frau Notten, Sie besuchen regelmäßig die Provinz Nimroz im Südwesten Afghanistans. Welchen Eindruck haben Sie und die Leute vor Ort von der Bundeswehr? Mariam Notten: Anfangs, bis zum Jahr 2004, hat die Bundeswehr schon einen ganz guten Ruf genossen. Aber dann stieg die Kriminalität an, die Taliban wurden immer aggressiver. Entführungen, Raub und Drogenhandel sind an der Tagesordnung. Die Bundeswehr hingegen ist hauptsächlich damit beschäftigt, sich selbst zu schützen. In der Provinz Nimroz ist es noch relativ ruhig. Im Norden und vor allem im Südosten Afghanistans dagegen sieht die Lage ganz anders aus, Selbstmordanschläge sind an der Tagesordnung. Da brauchen die Leute jemanden, der sie beschützt. Haben Sie nicht das Gefühl, dass die Bundeswehr vor Ort ist, um für die Sicherheit der Bevölkerung zu sorgen? Nein, gar nicht. Die Afghanen lachen inzwischen über die Soldaten, die sich hinter Stacheldraht verstecken, anstatt uns schützen. Man hat den Eindruck, die Bundeswehr traut sich nirgends einzugreifen. Wird die Bundeswehr nicht wenigstens unterstützend aktiv? Können Sie da ein konkretes Beispiel nennen? Die Bundeswehr braucht uns keine Brunnen zu bauen, dafür gibt es über 3000 NGOs im Land. Sie sollte die Menschen vor bewaffneten Banden, vor Drogenmafia, vor Entführungen und Vergewaltigungen schützen. Damit meine ich nicht, dass sie aktiv dagegen kämpfen sollte. Schon eine verstärkte Anwesenheit auf den Straßen würde eine abschreckende Wirkung haben. Würden Sie also die Forderung vieler linker Gruppen unterstützen, die Bundeswehrtruppen aus Afghanistan abzuziehen? Die gehen dafür am Sonnabend in Berlin auf die Straße. Nein, auf keinen Fall. Ich halte es für naiv von den Linken und Antikriegsbündnissen in Deutschland zu glauben, wenn die Bundeswehr jetzt abzieht aus Afghanistan, dann würde Frieden herrschen. Das wäre, als wenn wir das Rad der Geschichte zurückdrehen würden und genau dort wieder landen, wo wir kurz vor dem 11. September 2001 waren. Die Taliban und al-Qaida würden innerhalb einer Woche die Oberhand über das Land gewinnen und von dort aus nicht nur Afghanistan, sondern die ganze Welt terrorisieren. Außerdem: Wenn jetzt die Truppen das Land verlassen würden, dann hätten 30.000 Zivilisten ihr Leben umsonst gelassen. Es ist jetzt zu spät, die angefangene Intervention einfach abzubrechen. Dann wäre es hier im Land schlimmer als vorher. Sie halten also den Einsatz der Bundeswehr in Ihrem Land für eine gute Idee? Wenn sie endlich anfangen würden, ihre Aufgaben wahrzunehmen, dann schon. Zurzeit bombardieren die NATO-Soldaten unsere Dörfer und töten dabei einen Talibankämpfer und fünfzig Zivilisten. Das kann nicht sein. Die NATO muss aufhören mit den Taliban und Al Qaida „Katz und Maus“ zu spielen. Wie soll dieses Vorgehen denn konkret aussehen? Die Taliban und Al Qaida sollen dort bekämpft werden, und das meine ich nicht militärisch, wo sie ihre Hauptbasen haben. Nämlich in Pakistan. Sie würden das Mandat der Bundeswehr sogar ausweiten wollen? Sagen wir es so: Nicht nur das Mandat der Bundeswehr, sondern aller Nato-Truppen muss neu definiert werden. Die Kämpfer von Taliban und al-Qaida haben ihren Ursprung in Pakistan, hier werden sie auch ausgebildet. Es ist mir ein Rätsel: Aus 38 Ländern der Welt kommen fast 60.000 Soldaten nach Afghanistan und kämpfen angeblich gegen den Terror - während hundert Kilometer jenseits der Grenze die Taliban unbehelligt ihre Attentäter heranziehen! Was geht sonst noch schief? Oh, da gibt es einiges. Zum Beispiel wurde uns Demokratie versprochen, stattdessen hat man uns eine Regierung vorgesetzt, die zu 80 Prozent aus Kriegsverbrechern und Drogenmafia besteht. 30 Prozent der Hilfsgelder wandern direkt in die Taschen der Regierungsmitglieder und die restlichen 70 Prozent verlässt das Land wieder über die zahlreiche NGOs. Das Vertrauen in die westliche Demokratie ist auf diese Weise unter den Afghanen ganz schön in Verruf geraten. Die Leute sind arm und unzufrieden, die Taliban werden immer stärker, und die Hoffnung schwindet. Und was wären Lösungsansätze für die Misere? Das zivilgesellschaftliche Engagement müsste gestärkt werden, so zum Beispiel die Frauen- und Menschenrechte. Die westlichen Regierungen müssen diplomatischen Druck auf die pakistanische Regierung ausüben, damit die Basen der Taliban geschlossen und die Al Qaida- Kämpfer des Landes verwiesen werden. Der Krieg soll nicht ausgeweitet werden. Was bedeutet der Konflikt in Afghanistan für die restliche Welt, also auch für uns Deutsche? Wir müssen uns klarmachen: Nicht nur Afghanistan ist von dem Terror der Taliban und der Al Qaida betroffen, sondern die ganze Welt. Wenn die Kämpfer über die afghanische Bevölkerung die Oberhand gewinnen, dann werden auch die Europäer in ihren Häusern nicht mehr sicher sein. |