Ausschnitt aus einem Interview zum zweiten Jahrestag des 11. Septembers
gesendet im SFB-Fernsehen am 10.09.2002
Was hat sich seit dem 11. September für Sie verändert?
Es hat sich einiges in meinem Leben verändert:
Anfangs, als die Amerikaner mein Land bombardierten, war ich sehr traurig und habe sehr gelitten.
Dann war ich wütend darüber und fand es als ungerecht, dass meine Landsleute für die Fehler der CIA bestraft wurden. Denn Bin Laden und die Taliban sind ja Produkte der CIA.
Ich ging deswegen in die Öffentlichkeit und versuchte die Menschen eben darüber zu informieren.
Ich hatte dabei große Angst, unter den Verdacht zu geraten, ich würde mit den Terroristen sympathisieren. Denn Schröders "uneingeschränkte Solidarität", Bush's "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns" und Schilly's Antiterror-Gesetzes-Pakete ließen keine kritische Hinterfragung des Anschlages zu.
Und ich empfand es irgendwann als Nötigung, laufend wie ein Gebet zu beteuern, dass ich den Terroranschlag von New York verurteile.
Wie denken Sie über die Ereignisse des 11. September heute?
Ich bin empört über die Doppelmoral, wie man mit den Ereignissen des 11. Septembers umgeht.
Ich finde es völlig in Ordnung, dass man den Opfern von New-York gedenkt. So viel Anstand und Mitgefühl sollte jeder von uns haben.
Ich war die erste, vielleicht die einzige Afghanin, die damals mit meiner Schülerklasse in die Kirche ging, um den Toten von New-York zu gedenken.
Mir erscheint aber dieser Jahrestag des Gedenkens unglaubwürdig, wenn niemand ein Wort des Bedauerns ausspricht, über den afghanischen Kinder und Frauen, die zu Tausenden Opfer derselben Terroristen und Opfer der Bomben der US-Regierung wurden.
Es kommt mir vor, als ob das Leben eines afghanisches Kindes weniger Wert ist, als das eines amerikanisches.
Und ich finde dies, wenn ich das altmodische Wort benutzen darf, zutiefst unmoralisch.