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"Wenn man den Wolf zum Hirten macht"
Beitrag im IPPNWforum 81/82/03, Mariam Notten Die USA und ihre Antiterror-AIlianz haben im Oktober 2001 beschlossen, die Taliban zu entmachten, treffender ausgedrückt: US-Flugzeuge haben am Montag den 8. Oktober 2001 begonnen Afghanistan zu bombardieren. Sie begründeten ihren Krieg damit, dass sie Osama Bin Laden gefangen nehmen, seine Terrorgruppe AI Quaida zerschlagen, die Taliban entmachten, die Afghanen, besonders die afghanischen Frauen befreien und dem Land eine demokratische Ordnung schenken würden. Abgesehen davon, dass dieser Krieg zu vermeiden wäre (darüber hier etwas zu schreiben, würde zu weit führen und den Afghanen eh nicht mehr nutzen), sollten wir nun, nach fast zwei Jahren, eine Bilanz ziehen, ob und welcher dieser hehren Ziele der USA In Afghanistan realisiert wurden. Das Hauptargument für die Bombardierung Afghanistans, Bin Laden gefangen zu nehmen, ist nicht realisiert worden, er freut sich seines Lebens immer noch in Freiheit. Bisweilen wird er nicht einmal mehr in den zahlreichen Reden von George W. Bush erwähnt. Die Bomben der USA haben Bin Laden nicht getroffen, sondern Tausende Afghanen mussten dafür sterben, wir werden ihre Zahl niemals erfahren. Die Geiseln sind tot, der Geiselnehmer ist geflohen. Ob die Terrorgruppe AI Quaida wirklich zerschlagen worden ist oder uns, wie eine Hydra, seine Köpfe ständig an anderen Orten zeigt, kann man nicht mit Sicherheit sagen. Fest steht, dass die viele Terroranschläge nach dem 11. September kaum noch einer einzigen Gruppe zugeordnet werden können. Vielmehr haben wir den Eindruck, dass sich die Terrorzellen der AI Quaida verselbständigt haben und jede eigenständig operieren. Was die Entmachtung der Taliban angeht: sie sind zwar auf den ersten Blick nicht mehr an der Macht und - zumindest noch - nicht an die Kabuler-Regierung beteiligt. Ihr Führer aber, Mullah Omar, erfreut sich wie sein Schwiegersohn Bin Laden, seines Lebens in Freiheit. Die rangniedrigen und das Fußvolk der Taliban sind von Hamid Karzai, dem amtierenden Premierminister, amnestiert worden und treiben ihr Unwesen weiterhin in vielen Orten Afghanistans und terrorisieren die Bevölkerung. Karzai hat vor kurzem den Taliban in höheren Rängen das Angebot gemacht sich an der Kabuler-Regierung zu beteiligen. Er ist der Auffassung, es gebe auch gute Taliban, mit denen man gemeinsam regieren könne. Des Weiteren haben die USA ihren Krieg damit begründet, dass sie den Afghanen eine Demokratie schenken würden. Im Dezember 2001 haben die USA und ihre Antiterrorallianz bei der Petersberger Konferenz in Bonn, den Grundstein für die so genannte Demokratie in Afghanistan gelegt. An dieser Konferenz nahmen von afghanischer Seite drei fundamentalistische Kriegsparteien unter der Bezeichnung "Nordallianz" teil und eine Delegation des damals im Exil lebenden afghanischen Königs. Später wurde der König gegen Hamid Karzai ausgetauscht. Das Ergebnis dieser Konferenz, sieht folgendermaßen aus: Zunächst bilden zu 80% die großen fundamentalistischen Kriegsparteien (Nordallianz) die Regierung in Kabul. Sie haben vor der Machtübernahme durch die Taliban, die Bevölkerung und besonders die Frauen, genauso terrorisiert wie ihre Nachfolger. Da sie aber der USA in deren Kampf gegen die Taliban als Bodentruppen dienten, wurden sie belohnt und durften mehrheitlich die Regierung stellen. In den Provinzen sind weiterhin lokale Warlords an der Macht, die mehrheitlich den Kriegsparteien der "Nordallianz" angehören. Und schließlich "regieren" vieler Orts bewaffnete Banden. Sie gehören, zumindest offiziell, keiner der Kriegsparteien an, da sie selbst über genügend bewaffnete Männer verfügen. Wer keine Macht besitzt ist Hamid Karzai, der mit Hilfe amerikanischer Soldaten an der Regierung gehalten wird. Die Afghanen umschreiben so eine Situation mit dem Sprichwort "sie haben den Wolf zum Hirten gemacht". Nun soll uns jemand vormachen, wie wir Afghanen mit diesen Wölfen Demokratie verwirklichen sollten. Doch für die US-Regierung ist nichts unmöglich. Sie schaffen eben alles. Wie sieht es mit dem letzten hehren Ziel der US-Regierung aus, die Befreiung afghanischer Frauen? amnesty international und die medica mondiale berichten, dass im Frauengefängnis in Kabul nach wie vor Frauen inhaftiert sind, die vor Zwangsehen oder gewalttätigen Ehemännern flüchten und dann des Ehebruchs beschuldigt und eingesperrt werden. Selbst in Kabul traut sich die Mehrheit der Frauen nicht ihre Burka abzulegen. Die Menschen haben keine Arbeit und besonders den Kriegswitwen bleibt nur betteln oder heimliche Prostitution. In der Geschichte Afghanistans ist es das erste Mal, dass Kinder auf der Straße leben müssen, weil sie keine Eltern und kein Zuhause haben. Afghanen kannten weder Slums noch Straßenkinder. Dieser Zustand sollte nach Willen der US-Regierung die Befreiung der afghanischen Frauen bedeuten. Doch wie alles im Leben, hat auch der Krieg der USA in Afghanistan zwei Seiten. Die andere Seite sind einige unbeabsichtigte Nebeneffekte, von der USA ungewollte Veränderungen, die mittlerweile sichtbar werden. Hierzu gehört, dass der Schulbesuch wieder für Mädchen und Jungen erlaubt ist, ebenso dürfen Frauen, zumindest in den großen Städten, ohne männliche Begleitung das Haus verlassen. Sie dürften auch wieder arbeiten, falls sie eine Erwerbstätigkeit finden sollten. Dank dem Engagement vieler ausländischer NGOs in Kabul, werden zahlreiche Projekte für Frauen gegründet und bieten für begrenzte Zeit und Umfang Frauen Fortbildungen in allen möglichen Bereichen an. Auf politischer Ebene bahnen sich ebenso wichtige Veränderungen an. Zahlreiche demokratische Organisationen sind nach und nach aus dem Untergrund aufgetaucht, darunter auch die "Organisation demokratischer Frauen Afghanistans". Anfangs März diesen Jahres sind 42 demokratische Organisationen in Kabul ein Bündnis eingegangen, zudem auch mehrere Frauenorganisationen gehören. Ihr Ziel ist, eine demokratische Partei zu gründen und sich 2004 bei den Wahlen aufstellen zu lassen. Dazu benötigen wir jedoch ein Parteiengesetz in unserer Verfassung, die zur Zeit von einer Kommission ausgearbeitet wird, in der ausschließlich Personen sitzen die der "Nordallianz" angehören. Ob diese nun vorhaben, uns Afghanen mit einer demokratischen Verfassung zu beglücken, darf bezweifelt werden. Es gibt jedoch eine Provinz in Afghanistan, die in jeder Hinsicht aus dem afghanischen Rahmen fällt, die Provinz Nimroz. Nach der Entmachtung der Taliban übernahmen dort demokratisch und fortschrittlich gesonnene Menschen die Regierung. Ich habe mit den führenden Regierungsmitgliedern gesprochen, mir ihre Reden auf Veranstaltungen angehört und bin zu folgender Einschätzung gelangt: Diese Menschen sind hochgebildete, sehr motivierte Intellektuelle. Sie sind in ihrer Arbeitsweise unbürokratisch und gehen die anstehenden Aufgaben pragmatisch an. Ihre Einstellung zu Frauen ist emanzipiert, politisch kann man sie als Sozialdemokraten bezeichnen. Mehrheitlich sind sie Angehörige der berühmten "Nimroz-Front", eine Widerstandsgruppe die seinerzeit gegen die Russen kämpfte. Die Sicherheitslage in Nimroz ist einmalig. Selbst aus Kabul und anderen großen Städten kommen allein stehende Frauen in dieser Provinz, da sie hier sicherer seien, lautet ihre Begründung. Verschleierte Frauen gibt es nicht. Auf der Straße tragen die Frauen das große schwarze Kopftuch, das sie eigentlich hassen. Sie nennen es das Erbe der Emigrationsjahre im Iran - einzelne Frauen tauschen das schwarze Tuch gegen ein weißes oder buntes. Zwangsheirat gibt nicht, zumindest haben meine Gesprächspartnerinnen und -partner dies behauptet. Nimroz ist eine der ärmsten Provinzen Afghanistans, da sie keine Ölfelder und keine Bodenschätze zum Ausbeuten hat, überlässt man sie ihrem Schicksal. Selbst das Trinkwasser muss die Bevölkerung kaufen, denn nach fünf Jahren Dürre ist das Grundwasser versalzen. Die Provinzregierung bekommt keine Unterstützung, keine Zuwendung aus den Millionen, die für den Wiederaufbau versprochen worden sind. Alle ausländische Projekte und Gelder werden durch die Kabuler Ministerien in Provinzen geleitet, in denen die fundamentalistischen Warlords regieren und Verbündete der "Nordallianz" an der Macht sind. Nimroz bekommt nichts. Die westlichen Regierungen (an ihrer Spitze die US-Regierung) beteuern, sie würden die Demokratie in Afghanistan unterstützen. Am folgenden Beispiel soll gezeigt werden, dass sie nicht nur nicht die demokratische Bewegung unterstützen, sondern dass alle ihrer Unterstützungen zum Wiederaufbau Afghanistans die Fundamentalisten in ihren Positionen stärken. Einer der wichtigen Flüsse Afghanistans, der Hilmand, nimmt sein Ursprung im Hindukusch Gebirge und fließt durch die Wüste südlich von Nimroz in den Iran. Die Bevölkerung von Nimroz ist nicht in der Lage das Wasser dieses Flusses in die bewohnten Gebieten umzuleiten, da dazu ein Staudamm notwendig wäre um das Wasser zu speichern und mehrere Kanäle, um es in die bewohnten Gebieten umzuleiten. Somit fließt der Hilmand Fluss ungenutzt nach Iran, dort, jenseits der Grenze, wird sein Wasser in einem Staudamm gespeichert und die Regierung von Nimroz muss dieses Wasser kaufen, um die Bevölkerung mit Trinkwasser zu versorgen. Die Bundesrepublik Deutschland ist derzeit mit einem umfangreichen Projekt zur Wasserversorgung in mehreren Großstädten Afghanistans engagiert, u.a. in Kabul, Mazar-e-scharif, Herat und in Farrah (einer Nachbarprovinz von Nimroz), nicht jedoch in Nimroz selbst. Für den Staudamm in Nimroz existieren bereits Pläne, die von Exil-Afghanen in Zusammenarbeit mit deutschen Fachleuten vor Ort recherchiert und erstellt worden sind. Da die Provinzregierung nicht fundamentalistisch ist und somit keine Verbündeten in der Kabuler Regierung hat, gibt es kein deutsches Projekt zur Wasserversorgung in Nimroz. Diese Art von Wiederaufbau wird langfristig die Stärkung der Position des berüchtigten General Dostum, des Warlords Ismael Khan und weitere solchen Personen zur Folge haben. Es sei denn, eine/r der/die Leserinnen dieses Artikels verfügt über gute Kontakte ins Auswärtige Amt und setzt sich dafür ein, dass die Unterstützung der Demokratie in Afghanistan kein Lippenbekenntnis bleibt, sondern in die Tat umgesetzt wird. Ich glaube, dass jeder Mensch in der Lage ist, die Welt zu verändern und wenn es auch nur vier Quadratmeter um ihn herum sind. Selbst ein Mr. Busch ist in der Lage, die Welt zu verändern, aber leider nicht zum Guten. |