Mein Name ist Parigol (Blumenfee). Mein Mann hütet seit 14 Jahren das Bett, weil er ein alter Mann ist, etwa 80 Jahre alt. Früher hat er als Fleischer gearbeitet. Ich habe insgesamt zwölf Kinder großgezogen, fünf von der ersten Frau meines Mannes und sieben eigene.
Mein 15-jähriger Sohn ist lebendig verschwunden, weil er an Epilepsie erkrankt war. Er ging in die dritte Klasse. Als die Mujaheddin in Afghanistan regierten, ging er aus dem Haus und kehrte nicht mehr zurück. All die Suche nach ihm blieb ohne Ergebnis. Bis heute.
Mein zweiter Sohn, der gehörte aber der ersten Frau meines Mannes, ist vor drei Jahren jung gestorben. Fünf kleine Kinder hat er hinterlassen. Vor lauter Trauer könnte ich verrückt werden.
Die erste Frau meines Mannes ist vor meiner Hochzeit gestorben, sie hat fünf Kinder hinterlassen. Sie alle habe ich großgezogen und eins nach dem anderen verheiratet. Vor sechs Monaten ist die Ehefrau eines weiteren Sohnes (aus der ersten Ehe meines Mannes) gestorben. Sie hinterließ acht Kinder. Ich weiß gar nicht, was ich mit den vielen Halbwaisen machen soll.
Selbst habe ich bislang keine Teppiche verkauft, sondern habe sie der Schuldirektorin, Saleha Mehrzad, ausgehändigt. Sie hat sie weiter verkauft. Ich hatte gegen eine monatliche Bezahlung von 34.000 Tuman (34 €) in Monat in diesem Projekt gearbeitet und drei Schülerinnen ausgebildet. Insgesamt habe ich in dieser Zeit sechs Teppiche gewebt. Sie wurden, glaube ich, an verschiedene Landesministerien der Provinz Nimroz verkauft, weil sie mit der Landkarte Afghanistans gemustert waren.
Für mich selbst habe ich noch keine Teppiche gewebt oder verkauft. Aber gegen Bezahlung habe ich zwei Teppiche hergestellt. Ich bekam pro Teppich in der Größe von 1x2m 15.000 Tuman (15 €) Entgelt. Meine Schülerin und ich, wir haben die Teppiche gemeinsam gewebt. Ich musste ihr Mittagessen und Tee davon bezahlen. Am Ende blieb mir nicht viel Geld übrig. Danach habe ich noch zwei Teppiche gegen Bezahlung hergestellt. Ich saß an jedem Teppich 45 Tage. Mein tägliches Entgeld betrug 200 Tuman (20 Cent). Damit kann man nicht einmal ein Mittagessen kaufen.
Eine Nichtregierungsorganisation hier in Sarandj gibt Schülerinnen 15.000 Tuman monatlich und das Mittagessen, sogar Kleider für ihre Kinder, damit sie Teppiche weben lernen. Meine Schülerinnen verlangten dasselbe von mir. Anfangs sagte ich ihnen, wenn wir viele Teppiche herstellen und sie für einen guten Preis verkaufen, würde ich ihnen auch etwas bezahlen. Aber das war nicht der Fall.
Unter welchen Umständen würde es sich für Sie lohnen, Teppiche zu weben?
Dazu bräuchte ich einen Raum, oder einen schattigen Platz im Hof, den ich nicht habe, dann müssten meine Tochter und Schwiegertochter an dem Teppich mitarbeiten, damit er schneller fertig ist. Dann muss man sehen, wie viel ich im Bazar dafür bekomme. Da ich bislang keinen verkauft habe, weiß ich nicht, ob ich so viel bekomme, dass drei Leute davon leben können. Ich vermute eher nicht.
Ich habe immer in Nimroz gelebt, bin bis zur dritten Klasse in die Schule gegangen, wir lebten in der Nachbarschaft der Schuldirektorin Saleha Mehrzad. Leider hat mich mein Vater aus der Schule genommen. Er meinte, er sei arm und könne seiner Tochter nichts anbieten. Und ich würde damit konfrontiert werden, was sich die Kinder aus reichen Familien alles leisten können. Dadurch würde ich sie beneiden und traurig werden. Er wollte mich schützen. Danach habe ich zu Hause viel Handarbeit gemacht. Die Schwester der Schuldirektorin nahm sie nach Kabul mit und verkaufte sie für mich.
Während der Sowjet-Besatzung zog meine Familie nach Zabol (südöstlich von Nimroz). Dann ist mein Bruder an der Nimrozfront gefallen. Da zogen wir zurück nach Nimroz, damit wir in der Nähe des Grabes meines Bruders leben können.
Wie leben Sie zur Zeit?
Ich lebe mit meiner Familie, meinen zwei Töchtern und einem verheirateten Sohn, zusammen in einem Haus. Ich lebe zusammen mit meinen zwei Töchtern in einem Raum, der Sohn in einem anderen. Gekocht wird in dem kleinen Flur, im Winter im Zimmer, es wärmt gleichzeitig den Raum. Die Toilette befindet sich am anderen Ende des Hofes. Wasser gibt es nicht im Haus. In der Nähe befindet sich eine Jungenschule, dort gibt es ein Wasserhahn, und wir holen uns das Wasser von dort. Es ist aber jeden Tag ein Problem. Der Direktor der Schule meint, das Wasser sei nicht für den öffentlichen Gebrauch, sondern nur für seine Schüler bestimmt. Täglich muss ich ihn darum bitten, uns in die Schule rein zu lassen. Ich glaube, ich werde mir eine Empfehlung des Bildungsministers besorgen müssen. Die wenigen Wasserhähne auf den Strassen, die sind weit weg von unserem Haus.
Alles, was ich besaß, habe ich verkaufen müssen, seitdem mein Mann krank ist. Teils gab ich für seine Behandlung aus und teils, solange meine Söhne noch klein waren, für den Lebensunterhalt.
Nun arbeiten meine beiden Söhne als Lastwagenfahrer. Die Behandlung meines Mannes - er hat Beinschmerzen - kostete viel Geld. Außerdem ist er sehr anspruchsvoll, was das Essen angeht. Wenn er einen Abend kein Fleisch zum Essen bekommt, fängt er an zu schimpfen. Der Fernseher gehört meinem Sohn, er bekam ihn von seiner Schwiegermutter zu seiner Hochzeit geschenkt. Wenn er gute Laune hat, lässt er mich und meine Töchter mit fernsehen, wenn nicht, dürfen wir sein Zimmer nicht aufsuchen.
Wenn es hier eine kleine Teppichmanufaktur gäbe, würden Sie darin arbeiten?
Jetzt arbeite ich als Putzfrau in der Schule von Saleha Mehrzad, da bekomme ich monatlich 2000 Afghani (33 €). Das ist nicht viel Geld, aber es kommt regelmäßig. Denn meine Töchter gehen zur Schule, brauchen Kleidung und Schulmaterial. Ich bin für sie Mutter und Vater zugleich.
Möchten Sie, dass Ihre Töchter das Abitur machen?
So lange ich lebe, werde ich dafür sorgen, dass sie das Abitur machen. Sehen Sie mich an! Ich musste die Schule in der dritten Klasse abbrechen, nun arbeite ich als Putzfrau. Hätte ich Abitur gehabt, wäre ich jetzt wahrscheinlich eine Lehrerin und hätte ein bequemeres Leben.
Wie ist es mit der Heirat?
Hier heiraten Mädchen sehr jung. Erst Schule, dann Heirat. Einige unsere Verwandten möchten, dass ich meine Töchter wenigstens mit ihren Söhnen verlobe. Da sage ich nein. Wenn sie erstmals verlobt sind, werdet ihr ihnen verbieten, zur Schule zu gehen. Da meine Söhne auch nicht Abitur machen konnten, weil die Taliban kamen - der eine besuchte die Schule bis zur 5. Klasse, der andere bis zur 7. Klasse -, möchte ich, dass meinen Töchtern das nicht widerfährt. Manchmal sagen ihre Brüder, die Zeiten sind nicht gut für ein Mädchen, die Schule zu besuchen. Da sage ich, nein, mein Sohn, solange ich lebe, werden sie zur Schule gehen. Schaut her, ich habe einen schlimmen Rücken, der Arzt sagt, ich darf keine schwere Lasten anheben, nicht mehr als fünf Kilogramm. Hätte ich Abitur, säße ich vielleicht jetzt hinter einem Schreibtisch, und das Problem mit den fünf Kilo würde nie auftauchen.
Was haben Sie unter den Taliban gemacht?
Ich habe zu Hause Handarbeit gemacht, Borten usw. genäht und verkauft. Damals hat mein Mann noch gearbeitet. Wir hatten weder mit den Taliban noch mit den Sowjetfreunden noch mit den Mujaheddin zu tun. Wir sind arme Leute, da fielen wir nicht auf.
Wann haben Sie geheiratet?
Mit 14. Mein Mann hatte bereits graue Haare. Er war Witwer und hatte fünf Kinder, die älteste Tochter war so alt wie ich. Heutzutage werden noch jüngere Mädchen bereits mit 12 Jahren an alte reiche Männer verkauft, das nennt man heiraten. Jetzt verkaufen Väter ihre Kinder, um zu überleben. Ich habe erlebt, dass der Bräutigam bereits drei Frauen hatte und sich eine 12-jährige als vierte Frau kaufte. Sie geben dem Vater der Mädchen zwischen 25 und 30 Millionen Toman (3000 €) und holen sich ein kleines Mädchen ins Haus.
Auch meine Mutter war damals Witwe, sie hatte fünf Kinder zu versorgen. Weder früher noch heute können Mädchen sagen, nein, ich will diesen Mann nicht heiraten. Mein Mann ist Paschtune, ich konnte seine Sprache nicht verstehen. Als er mich ins Haus holte, haben die Frauen seiner Familie mich ausgelacht, wenn ich sie nicht verstanden habe. Als seine Kinder mich Mutter nannten, habe ich mich sehr geschämt und viel geweint. Die Paschtunen sind traditioneller als die Belutschen, zu denen meine Familie gehört. Ich sollte sogar zu Hause ein großes Kopftuch tragen, lange Kleider usw., mit all dieser Lebensführung in einem paschtunischen Haushalt hatte ich enorme Probleme. Irgendwann wurde ich psychisch krank und wollte ich mir das Leben nehmen. Wenn ich mitansah, dass meine ehemaligen Klassenkameraden noch zur Schule gingen und ich nur eine Hausfrau bin, tat es mir sehr weh. Irgendwann habe ich ihre Sprache gelernt und mich arrangiert.
Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?
Keine.
Jeder Mensch hat doch im Leben irgendwelche Wünsche offen.
Was soll ich noch über das Leben denken? Alles ist vorbei. Meine Kinder sollten gesund und am Leben bleiben, das wäre mein Wunsch. Dass ich von niemand abhängig sein muss, eine Arbeit habe, dass meine Töchter weiterhin die Schule besuchen dürfen. Das sind meine Wünsche.
Ich habe Ihnen über 30 Jahre meines Lebens erzählt, weil ich niemand habe, dem ich das erzählen konnte. Man kann soviel Trauriges und Intimes nicht jedem anvertrauen. Eine persönliche Freundin hatte ich nie, dafür hatte meine Ehe mit einem Paschtunen keinen Raum und keine Gelegenheit gelassen. Denn als Frau durfte ich das Haus selten verlassen.
Was wünschen Sie sich für Ihre Heimat?
Ich wünsche mir, dass sich alle Ethnien besser verstehen, dass die da oben auch mal an den Armen in ihrem Land denken würden.
Nachtrag:
Zur Zeit arbeiten 12 Frauen in einem Teppichprojekt in Frauenministerium/-Direktion in Sarandj, 12 weitere für eine NGO. In Tschakhansur hat auch eine NGO einigen Frauen zum Teppichweben Rahmen und das Material gegeben. Als sie mit den Teppichen fertig waren, hat man sie für sie verkauft, den Erlös und die Rahmen haben sie dann als Geschenk bekommen. Ich habe keinen Platz für den Rahmen, den du mir geben möchtest. Mein Zuhause besteht aus einem Zimmer, darin leben wir zu viert. Ich habe ein Jahr für Farida Hamidi- in Frauenministerium/Frauendirektion in Sarandj gearbeitet, zwei Teppiche gewebt, die sie für mich verkaufen sollte. Ich habe weder das Geld bis jetzt gesehen noch die Teppiche. Heute sehe ich einen davon hier (wir sind gerade im Gästehaus der Regierung und der Teppich liegt im Foyer). Sie hat mich immer wieder vertröstet. Ich habe der Saleha Mehrzad gesagt, wir haben dich gewählt, wenn du bald im Parlament auf einem dicken Sessel sitzt, dass du uns ja nicht vergisst, wie all die anderen.