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23 Jahre schulfrei
Der Tagesspiegel, 29. Mai 2004, von Ute Scheub

In Afghanistan lernen die meisten Kinder gerne - weil sie es früher nicht durften

In Afghanistan waren die meisten Schulen wegen des Krieges 23 Jahre lang geschlossen. Deshalb sind die Kinder wild darauf, endlich wieder zu lernen. Manche kommen mit dem Esel zur Schule, der zehnjährige Saleh kommt zu Fuß..

Saleh Mohammed aus der Provinz Nimroz im Südwesten Afghanistans ist stolz auf die Uhr an seinem Handgelenk. Sie geht zwar nicht, aber dafür hat sie auch nur zwei Euro auf dem Basar gekostet, dem Einkaufsviertel der Provinzhauptstadt Sarandj. Außerdem weiß der Zehnjährige auch so, was die Stunde geschlagen hat.

Er weiß, dass er morgens gegen halb sieben Uhr aufsteht - zum Frühstück gibt es Tee und Fladenbrot -, und dass die Grundschule um acht Uhr beginnt. Manche Kinder reiten mit Eseln in ihre Schule und binden sie davor an, so wie ihr eure Fahrräder, mit dem Unterschied, dass sich Räder nicht gegenseitig in den Sattel beißen, so wie die Esel. Saleh kommt jedoch zu Fuß, denn er wohnt in der Nähe der Schule. Er achtet darauf, pünktlich zu sein, denn für ihn ist Unterricht etwas Besonderes, etwas Tolles, das die Zukunft erleuchtet. Wie? Schule ist doof, findet ihr? Versucht euch doch mal in die Situation von Menschen zu versetzen, die 23 Jahre lang lernen wollten und nicht durften. Afghanistan hat 23 Jahre lang eine Folge grausamer Kriege erlebt, die Schulen blieben fast die ganze Zeit geschlossen. So kommt es, dass heute nur ungefähr jeder zehnte Afghane lesen, schreiben und rechnen kann.

Saleh geht in die „Schule der Freiheit", die vor zwei Jahren in der Provinzhauptstadt Sarandj mit Hilfe von deutschen Spendengeldern erbaut wurde. Sechs Tage in der Woche hat er drei bis vier Schulstunden, nur am Freitag, dem islamischen Feiertag, ist sie geschlossen. In den Klassenzimmern sitzen dicht gedrängt 40 bis 50 Kinder, bü-dungshungrig und wissensdurstig. Es gibt keine bunten Lehrmaterialien, kein Spielzeug, keine Landkarten, schon gar keine Lerncomputer, es gibt nichts als ein paar Schulbücher vom Kinderhüfswerk Unicef, eine bröckelnde Wandtafel und eine freundliche Lehrerin. Und dennoch sind die Mädchen und Jungen, die in dieser Provinz, anders als im ganzen restlichen Afghanistan, gemeinsam unterrichtet werden, aufmerksamer als in jeder deutschen Schule. Auch Saleh.

Saleh geht wie sein zwölfjähriger Bruder in die zweite Klasse. Nicht weil die beiden sitzen geblieben sind, sondern weil ihre Familie erst vor etwa zwei Jahren aus dem Iran zurückgekehrt ist. Millionen von Afghanen waren während des Krieges in die Nachbarländer geflüchtet, die meisten Leute aus Nimroz waren in den nur wenige Kilometer entfernten Iran geflohen. Nun kehren sie nach und nach zurück. Wenn Saleh um zwölf Uhr die Schule verlässt und zu Hause zu Mittag Reis oder Kartoffeln isst, dann geht in den höheren Schulen von Nimroz ein anderer Betrieb los: Schülerinnen der elften und zwölften Klasse bringen Erwachsenen das Lesen und Schreiben bei.

Salehs Familie wohnt in einem kleinen lehmfarbenen Haus mit zwei Zimmern. Seine Mutter ist Hausfrau, sein Vater arbeitet auf dem Bau und stellt Ziegel her. Und weil er damit nicht genug verdient, muss Salehs älterer Bruder immer wieder mithelfen. Kinderarbeit ist normal in Afghanistan: Viele Jungen arbeiten nachmittags, zum Beispiel im Basar als Verkäufer oder Geldwechsler, während Mädchen im Haushalt der Familie oder bei Fremden mithelfen müssen.

Saleh, sein Vater und seine drei Brüder essen und schlafen in einem Zimmer, die Mutter und die vier Schwestern im anderen. Acht Kinder - denkt bloß nicht, das sei etwas Besonderes in Afghanistan. Dort gibt es keine Rente für alte Menschen; Kinder müssen, wenn sie erwachsen sind, ihre alten Eltern durchfüttern. Die Räume in Salehs Haus sind mit Teppichen und Kissen ausgelegt, so dass man es sich dort sehr gemütlich machen kann. Die Küche ist nur eine kleine Feuerstelle, und das Wasser zum Kochen und Waschen wird aus einem Brunnen im Hof gezogen. Dafür aber gibt es in Nimroz, ungewöhnlich für Afghanistan, einen lokalen Fernsehsender, und nach dem Abendessen darf Saleh Fernsehen gucken. Am liebsten mag er Nachrichtensendungen und Zeichentrickfilme.

Gegen 22 Uhr geht Saleh schlafen. Vielleicht wirft er vorher noch einmal einen Blick auf seine Uhr. Das Laufen hat sie immer noch nicht gelernt.


Saleh beim Interview

Auf dem Weg zur Schule