Meine lieben Freundinnen und Freunde,
liebe Spenderinnen und Spender,
im Folgenden erhalten Sie meinen Reisebericht von 17. bis 31.Oktober 2009 nach Nimroz sowie einen Überblick über alle Projekte, die wir bislang dank Ihrer Spenden in Afghanistan verwirklichen konnten.
Neues Projekt
Diesmal ist mir lediglich gelungen, an weitere sechs Frauen Kleinstkredite für den Kauf von Nutztieren und Nähmaschinen zu vergeben. Eigentlich ist es möglich und nötig, an viel mehr Frauen Kredite zu vergeben. Doch die geeigneten Frauen sowie eine sichere Bürgschaft für sie zu finden, benötigt viel mehr Zeit, denn ich müsste in entfernte Dörfer reisen. Leider reichen die zwei Wochen in den Herbstferien dafür nicht aus, und in den Sommerferien ist es in Nimroz dermaßen heiß, dass dort alles Leben zum Erliegen kommt. Doch ich habe vor, mich ab Sommer 2010 länger in Nimroz aufzuhalten, da ich dann in den Ruhestand gehe und über mehr Zeit verfügen werde.
Unsere alten Projekte
„Schule der Freiheit“:
In diesem Jahr konnten wir es uns finanziell leisten, diese Schule endlich mit einer freundlichen Farbe zu streichen. Es war immer unser Wunsch, die zwei Betonklötze kinderfreundlicher zu gestalten. Mir ist aus meiner eigenen Schulzeit in Erinnerung, wie gerne ich in unsere Oberschule ging, weil man dafür ein schönes altes Haus mit einem großem Garten gemietet hatte, den ein Bach durchquerte. Wir können zwar keinen grünen Garten und fließenden Bach nach Nimroz zaubern, aber wenigstens können wir den Kindern einige Stunden des Tages in einer hellen sandfarbenen Schule ermöglichen.
Die UNICEF hat im Hof der Schule einige Rutschen und Schaukeln installieren lassen. Diese Geräte werden von den Kindern in den Pausen rege genutzt. Auch die Provinzregierung blieb nicht untätig. Während meines Aufenthaltes baute sie dort einen Wasserbrunnen, und der Schulleiter ließ bereits die ersten Blumen- und Gemüsebeete anlegen.
Zu Beginn unserer Arbeit stellte ein Grundstückseigentümer in Sarandj das Grundstück für unsere Schule kostenlos zur Verfügung. Da diese seit einem Jahr zur Oberschule erklärt worden ist, versucht die Provinzregierung den Besitzer des Grundstückes davon zu überzeugen, uns einige weitere Quadratmeter anliegendes Land zu verschenken, damit der Hof vergrößert und ein neues Gebäude darauf errichtet werden kann. Die Kosten für den Bau des neuen Gebäudes werden von der Regierung übernommen.
Schule in „Vier Türmchen“
Die Reise durch die Geröllwüste nach „Vier Türmchen“ (Tschahar Bortschak) ist selbst für mich ein Abenteuer. Hinzu kommt die Angst vor Anschlägen oder Entführungen durch die Taliban, die ungehindert über die nahe pakistanische Grenze kommen und ihr Unwesen in dieser abgelegenen Region treiben können. Aus diesem Grund ist kaum ein Lehrer bereit, für ein karges Gehalt nach „Vier Türmchen“ umzusiedeln. Der einzige Mann, der dort unsere SchülerInnen unterrichtet, ist ein Mullah, der eh in diesem Dorf lebt. Doch dieser Mann ist enorm motiviert, und ich konnte erleben, wie er in drei Klassen parallel unterrichtete.
Die Schule wird von 118 Kindern besucht, davon 78 Mädchen und 40 Jungen in gemeinsamen Klassen. Den SchülerInnen habe ich bunte Filzstifte, Schreib- und Malhefte als Geschenk mitgebracht. Ebenso konnte ich dafür Sorge tragen, dass fast allen SchülerInnen Stühle und Tische zur Verfügung gestellt werden. Derzeit fehlen noch etwa 30.
Das Waisenhaus
Diesmal habe ich 21 Kinder zählen können, die Mehrheit davon unter 10 Jahren. Neun der größeren Knaben sind von ihren Angehörigen abgeholt worden, damit sie für die Familie Geld verdienen können. Einen dieser Jungen habe ich zufällig auf der Straße getroffen. Ich habe diesen Jungen als schlechtgelaunt und bisweilen aggressiv in Erinnerung. Doch bei unserer Begegnung wirkte er auf mich sehr entspannt, gar fröhlich. Er arbeite bei seinem Onkel in einer Autowerkstatt und verdiene täglich 1000 Tuman, sagte er mir. Ein Euro entspricht etwa 1300 Tuman, das sind also unter ein Euro pro Tag. Und dennoch war er stolz, eigenes Geld zu verdienen.
Auch der alte, sympathische Leiter des Waisenhauses wurde entlassen. Als Begründung sagte man mir, dass er mittlerweile opiumsüchtig geworden wäre und daher den Kindern nicht länger zumutbar gewesen sei. Der neue Leiter ist ein etwa 50 jähriger Mann - ein ehemaliger Regierungsangestellter. Er nahm seine Arbeit erst zwei Wochen vor meiner Ankunft auf. Er wirkte auf mich sehr zurückhaltend und distanziert gegenüber den Kindern. Wahrscheinlich kennt er sich in der Tagesstruktur des Hauses noch nicht aus. Ich hoffe, dass er wenigstens gegenüber den Kindern etwas offener wird. Leiter eines Waisenhauses zu sein, ist wegen des kargen Gehaltes eben nicht für jeden Mann attraktiv genug.
Ich habe den Kindern, wie üblich, Kleidung und Schuhe mitgebracht, teilweise aus Deutschland und teils vor Ort eingekauft. Bei den größeren Jungen stand Fußballdress auf ihrer Wunschliste. Auch ein festliches Mahl und das Schmücken der Räume gehörten zum festen Bestandteil meines Besuches.
Diese Kinder kennen weder das Meer mit seinen Tieren noch den Wald und seine Bewohner. Deshalb habe ich über das Internet eine Reihe Naturfilme ersteigert und einen DVD-Player aus Deutschland mitgebracht, damit die Kinder die Welt außerhalb von Nimroz wenigstens über die Filme kennen lernen. Dieses Geschenk kam bei den Kindern besonders gut an.
Frauenbäckerei (Nr.1)
Unsere erste Bäckerei wird weiterhin von einer Witwe mit sechs Kindern - anscheinend erfolgreich - betrieben. Sie lebt mit ihren Kindern mittlerweile selbstständig in einem Haus, das sie gemietet hat. Noch vor einem Jahr lebte sie mit ihren Eltern und verheirateten Geschwister zusammen. Dort verfügte sie lediglich über einen kleinen Wohnraum. Nun stehen ihr drei Wohnräume und ein großer Hof zur Verfügung, neben der Bäckerei betreibt sie Kleintierhaltung.
Frauenbäckerei (Nr.2)
Bis zu meiner Ankunft hatten unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter noch keine geeignete Person für dieses Projekt gefunden. Mir ist es zum Glück gelungen, einer Mutter, die sieben Töchter und zwei Jungen zu ernähren hat, die Bäckerei zu übergeben. Sie ist enorm dankbar und sehr motiviert. Über die weitere Entwicklung dieses Projektes kann ich Ihnen erst nächstes Jahr berichten.
Meine lieben Freundinnen und Freunde, wenn auch die Gegenwart meines Landes nicht hoffnungsvoll erscheint, möchte ich dennoch unsere Arbeit mit folgenden afghanischen Sprichwort vergleichen: „Auch aus einen Sumpf wachsen schöne Blumen“. Einer dieser Blumen sind Ihre Projekte, die wir dank Ihrer Spenden verwirklichen konnten.
Wir danken Ihnen im Namen der afghanischen Frauen und Kindern von Herzen und verbleiben mit besten Wünschen für Ihre Gesundheit und Glück im Leben.
Für den Vorstand
Ute Scheub Mariam Notten
Aktuelle Fotos von der Reise von Frau Notten im Oktober 2009 finden Sie in den jeweiligen Bereichen:
Neues Projekt: Kleinstkredite
„Schule der Freiheit“: Neuer Anstrich, Spielgeräte, Erweiterungspläne
Schule in „Vier Türmchen“: Betrieb trotz schwieriger Umstände aufgenommen
Das Waisenhaus: Neue Leitung, Festmahl, Kleidung, Spielzeug und Naturfilme
Frauenbäckereien