Nimroz - die einzige Provinz Afghanistans ohne Burka
(Stand 2002)

Nimroz liegt in einer Wüstenregion, im südwesten Afghanistans und ist mehrheitlich von der Bevölkerungsgruppe der Belutschen bewohnt. Insgesamt leben ca. 150.000 Menschen auf einer Gesamtfläche von fast 46.000 qkm. Landschaftlich betrachtet gleicht die Provinz einem ausgestobenen Planeten. Ich habe in der Stadt Sarandj , der Hauptstadt von Nimroz), sowie in den umliegenden Dörfern kein einziges grünes Blatt an einem Baum gesehen. Es stehen nur gespenstisch aussehende Überreste einiger Nadelnbäume herum, die in den zahlreichen Sandstürmen mit Staub bedeckt worden sind und sich der übrigen staubigen Landschaft anpassen. Von den 300 Kilometer Straßen dieser Provinz ist nicht ein Meter asphaltiert. Die Gebäude sind alle restlos verfallen.

Die Bevölkerung muss das Trinkwasser kaufen, denn in Folge von 5 Jahren Dürre ist das Grundwasser versalzen.

Die Gebäude in Nimroz sind alle restlos verfallen. Einen richtigen Krieg hat diese Provinz allerdings weder unter den Russen noch unter ihren Nachfolgern erlebt. Die berühmte „Nimroz- Front“ hat ihre Kampfhandlungen bewusst außerhalb der bewohnten Gebiete durchgeführt, meist in die Wüstengegend, damit die Bevölkerung nicht zwischen den Fronten zerrieben wird. Auch deshalb gelangte sie zur Berühmtheit. Die meisten Bewohner haben damals ihre Häuser verlassen und sind kurzerhand über die Grenze in den Iran oder nach Pakistan geflüchtet. In der 25-jährigen Abwesenheit seiner Bewohner und in der fünf Jahre andauernden Dürre ging die Region Nimroz darnieder.

Seit der Entmachtung der Taliban in 2002 sind die meisten Bewohner von Nimroz zurückgekehrt und versuchen nun ihr Land wieder bewohnbar zu machen.

Das Treiben der Menschen in Sarandj erinnert den Betrachter an einen eben zerstörten Termitenhügel, deren Bewohner sich sofort an die Arbeit machen, um ihren Hügel wieder herzustellen. Die Bewohner von Nimroz sorgen für irritiertes Staunen. In einer ausgestorbenen Mondlandschaft wie Nimroz erwartet eine Fremde nichts weniger als eine hochkultivierte, sehr gebildete Bevölkerung. Ihre Umgangsformen sind von gegenseitiger Toleranz geprägt. Ihre Sprache ist belutschisch, die Amtsprache ist Dari. Sie sprechen ein so poetisches Dari, dass das Gespräch mit ihnen zum Hochgenuss wird. Bildung und Schulbesuch stehen bei ihnen an erster Stelle. Selbst die Insassen des Gefängnisses von Sarandj forderten in einer Meuterei von der Gefängnisleitung Alphabetisierungskurse.

Die Sicherheitslage in Nimroz ist einmalig. Selbst aus Kabul und anderen großen Städten kommen alleinstehende Frauen in dieser Provinz. Hier sind sie sicherer, lautet ihre Begründung. Verschleierte Frauen gibt es in Nimroz nicht. Ich habe keine gesehen. Die Frauen tragen auf der Straße das große schwarze Kopftuch, das sie eigentlich hassen. Sie nennen es das Erbe der Emigrationsjahre im Iran. Einzelne Frauen versuchen, das Schwarze Tuch gegen ein weißes oder buntes Tuch zu tauschen. Zwangsheirat gibt es ebenso nicht, zumindest haben meine Gesprächspartner dies behauptet.








politische Karte

alte Lehmburg in Nimroz

Wüstenlandschaft

Fluss Hellmand, Iranische Grenze

Kinder auf dem Schulweg

(ohne Titel)

Basar in Sarandj
Die Mitglieder der Provinzregierung

Ich habe mit den führenden Mitgliedern der Regierung von Nimroz gesprochen, mir ihre Reden auf irgendwelchen Veranstaltungen angehört und bin zu folgender Einschätzung gelangt:

Diese Menschen sind hochgebildete, sehr motivierte Intellektuelle. Sie sind in ihrer Arbeitsweise unbürokratisch und gehen die anstehenden Aufgaben pragmatisch an. Ihre Einstellung zu Frauen ist emanzipiert und von Hilfsbereitschaft gekennzeichnet. Ohne ihre Unterstützung wäre es mir nicht möglich gewesen, unsere Projekte so schnell zu realisieren.

Poltisch kann man sie als Sozialdemokraten bezeichnen. Mehrheitlich sind sie Angehörige einer Widerstandsgruppe, der berühmten „Nimroz-Front“, die seinerzeit gegen die Russen kämpfte. Die führenden Persönlichkeiten dieser „Front“ haben nun die führenden Posten in der Provinzregierung inne. Bei der Bevölkerung sind sie im Allgemeinen beliebt.


Karim Burahui, ehem. Gouverneur von Nimroz, derzeit Minister in Kabul