Jahresbericht 2008 des Vereins Scheherazade e.V:

Liebe SpenderInnen und FreundInnen von Nimroz,

eine erfreuliche Nachricht vorweg: Mariam Notten ist im September 2008 für ihr Engagement in Afghanistan mit dem taz panter Preis „HeldInnen des Alltags“ ausgezeichnet worden. Das ist nicht nur eine Freude und Ehre für unseren Verein, sondern auch materiell sehr erfreulich, denn Frau Notten will das Preisgeld von 5.000 Euro für unsere Projekte zur Verfügung stellen.
Diese Anerkennung teilen wir mit Ihnen als SpenderInnen. Denn ohne Ihre Spenden gäbe es keine Projekte in Nimroz und ohne unsere Projekte keinen Preis für Frau Notten.

Frau Notten ist während der Herbstferien vom 19.10 bis 1.11. nach Nimroz gereist, um nach unseren „alten“ Projekten zu schauen und neue zu planen. Nachfolgend möchte sie Ihnen aus ihrer persönlichen Sicht aus Nimroz berichten:

Zur politischen Entwicklung in Nimroz

„In diesem Bericht werde ich ausnahmsweise kurz auf die politische Entwicklung in Afghanistan und deren Auswirkungen auf unsere Projekte eingehen.

Wie Sie selbst aus den Medien entnehmen könnten, haben in diesem Jahr die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den Taliban und der NATO-Soldaten enorm zugenommen. Des Weiteren sind seit geraumer Zeit informelle Friedensgespräche zwischen der Talibanführung und der Nato voll im Gange, außerdem gab es ein Sondierungsgespräch zwischen Abgesandten der Talibanführung und der Regierung Karsai auf Vermittlung Saudiarabiens in Mekka.

Das heißt, dass die Beteiligten vorhaben, über kurz oder lang die Taliban an der Regierung Afghanistans zu beteiligen. Dies bedeutet wiederum, dass neben den bereits in der Regierung vorhandenen Kriegverbrechern und Drogenmafiosi dann auch wieder die Steinzeitkrieger der Taliban über die afghanische Bevölkerung herrschen werden.

Diese Bereitschaft wird von den Taliban als eine Art Kapitulation der Weltgemeinschaft gegenüber ihrer Allmacht interpretiert. Sie fühlen sich in überlegener Position und weiten ihre Aktivitäten, wenn auch noch sporadisch, auch auf die bisher von ihnen weitgehend verschonte Provinz Nimroz aus.

Die Folgen sind etwa zehn Selbstmordattentate in den letzten 12 Monaten, etliche Dutzend Tote und mehrere Entführungen von Mitgliedern der Nimrozer Bevölkerung sowie von etlichen ausländischen Helfern. Einer der Toten war ein ehrenamtlicher junger Mitarbeiter unseres Vereins. Er hinterließ eine Frau und zwei kleine Kinder.

Bei meiner diesjährigen Reise fand ich eine angespannte und ängstliche Atmosphäre vor. Meine Gastgeber ließen mich diesmal keinen Schritt ohne bewaffnete Begleitung unternehmen. Meine Reise zu dem Ort „Vier Türmchen“ wo sich unsere neue Schule befindet, fand unter Begleitung von einem Dutzend bis an die Zähne bewaffneter Soldaten statt.

Wenn auch die Mädchen und Jungen die Schule gemeinsam besuchen, werden sie nun in getrennten Klassen unterrichtet. Das ist ein Zeichen dafür, dass sich die Bevölkerung langsam auf die Machtübernahme durch die Taliban vorbereitet.

Die zweite Auswirkung der Verhandlungen mit den Taliban ist, dass sich keine Frau bereit erklärt hat, in unserer zweiten Schule in diesem von der Hauptstadt weit entfernten Dorf in „Vier Türmchen“ zu unterrichten, zumal das Gehalt eines Lehrers auch nicht verlockend ist. Daher hat die Direktion für Bildung zwei Mullahs (Geistliche) gefunden, die demnächst an unserer Schule unterrichten werden.

Auswirkungen der Globalisierung auf unserer Projekte

Wie Sie sich vielleicht noch erinnern können, mussten wir zwei unserer Frauenprojekte, die Teppichweberei und Näherei, vor zwei Jahren schließen, weil die hergestellten Produkte gegenüber den Billigprodukten aus dem Ausland nicht konkurrenzfähig waren.

Letztes Jahr schrieben wir Ihnen, dass die Frauenbäckerei eine „Erfolgstory“ wäre. Deshalb haben wir den Bau einer zweiten Bäckerei in Auftrag gegeben. Die letzten Arbeiten an dieser Bäckerei haben wir bei meiner Reise in Oktober 2008 beendet. Wir hoffen, dass wir eine geeignete Frau dafür finden können.

Leider haben die verheerenden Auswirkungen der Globalisierung auch diese Erwerbsnische für Frauen heimgesucht. Der Markt ist von elektro- und gasbetriebenen Backöfen überschwemmt wurden, die billig zu erwerben sind. Die meisten Familien backen nun ihre Brote zu Hause und unsere Bäckereien sind bedroht. Die Fotos der neuen Bäckerei sind auf unserer Website www.afghanistan-nimroz.de zu sehen.

Ich habe mich deshalb bei vielen Menschen erkündigt, auf welchen anderen Wegen wir den Frauen eine Erwerbsgrundlage schaffen könnten. Einer der wenigen Bereiche, die noch nicht von dem in Afghanistan praktizierten neoliberalen Zerstörung aller heimischen Produktionsweisen erobert wurden ist, ist der Bereich der Kleinviehhaltung.

Wir haben bereits 2007 sieben Familien mit weiblichem Familienvorstand Kleinkredite zwecks Anschaffung von Nutztieren vergeben. Einige dieser Familien haben sogar ihre Kredite zusammengetan und sich statt Schafe oder Ziegen eine Kuh gekauft, weil sie wirtschaftlicher ist. Falls dieser Bereich weiterhin von der Globalisierung verschont bleiben sollte, sehen wir es für ratsam, dieses Projekt zu erweitern.

Schulen in Nimroz

Das Ministerium für Bildung in Kabul hat den Bau von 14 bis 22 neuen Schulen für die Provinz Nimroz genehmigt. Laut dem Direktor für Bildung in Nimroz ist ein Teil der Gelder angekommen, der Bau von drei Schulen wurde in Auftrag gegeben.

Wir müssen uns nun überlegen, ob wir – auch mit dem Preisgeld des taz panterpreises – weitere Schulen in Nimroz bauen werden. Einerseits ist das Aufgabe des Staates, und wir sollten ihm das nicht ohne Weiteres abnehmen. Andererseits haben wir schon in der Vergangenheit immer wieder von der Direktion für Bildung gehört, dass zahlreiche weitere Schulen geplant werden, tatsächlich wurden aber aus Geldmangel kaum welche gebaut.

Falls wir zum Schluss kommen sollten, doch keine dritte Schule bauen zu lassen, gibt es dennoch für die SpenderInnen weiterhin Möglichkeiten, die Bevölkerung von Nimroz zu unterstützen:

  • mit Spenden für Unterrichtsmaterial für Lehrerinnen
  • mit Spenden für den Bau von Schulbüchereien und deren Ausstattung mit Büchern
  • mit Spenden für Schuluniformen in der Schule in „Vier Türmchen“
  • mit Spenden für einen Farbanstrich der Schule in Sarandj
  • mit Spenden für die Ausstattung der bestehenden Schulen
  • mit Spenden für die Vergabe von Kleinkrediten an weibliche Haushaltsvorstände
  • mit Spenden für die Ausstattung der Waisenkinder mit Kleidung und Spielzeug
  • mit Spenden für die Ausstattung einer „Fahrbaren Bibliothek“ mit Büchern in Kabul

Unsere Grundschule in „Vier Türmchen“

Die Bauarbeiten an dieser Schule waren bei meiner Ankunft in Oktober 2008 noch nicht abgeschlossen. Der Baufirma fehlte das Geld für den Bau von Toiletten und anderer Kleinigkeiten wie Lichtfenster in der Decke der jeweiligen Klassenräumen.

Wir haben der Baufirma die fehlenden 2.000 US-Dollar entrichtet, so dass die Schule Ende November oder Anfang Dezember bezugsfertig ist. Voraussichtlich werden 60 bis 70 SchülerInnen von zwei Lehrern dort unterrichtet werden. Das hört sich sehr wenig an, aber nach unserer Erfahrung mit unserer ersten Schule erwarten wir für jedes Jahr einen Zuwachs von SchülerInnen. Die Schule besteht aus acht Räumen.

Sie wurde während meiner Anwesenheit von den DorfbewohnerInnen kurzerhand in „Schule der Freiheit“ getauft. Damit in weiteren Berichten keine Missverständnisse vorkommen, werden wir beide „Schulen der Freiheit“ mit Nr.1 und Nr.2 versehen. Die aktuellen Fotos sind ebenfalls auf unserer Website zu sehen.

Das Waisenhaus

Zur Erinnerung: Die Anzahl der hier wohnenden Kinder variiert zwischen 30 und 50. Dieses Jahr leben 32 Knaben in diesem Haus. Mittlerweile ist es zu Tradition geworden, dass wir bei meinem Besuch einen Tag lang bei einer festlichen Mahlzeit gemeinsam feiern, die Kinder erhalten dabei Geschenke.

Da die größeren Kinder in der Schule nebenan in Fußballmannschaften spielen, haben sie diesmal den Wunsch nach Fußballkleidung und – Schuhen geäußert. Der Wusch war realisierbar und zwei der älteren Kinder haben gemeinsam mit mir den Einkauf erledigt. Für die Kleinen, die nicht in der Mannschaft mitspielen dürfen, besorgten wir warme Pullover für den Winter. Außerdem habe ich ihnen aus Deutschland jeweils ein Paar warme Socken mitgebracht; diese passen hervorragend zu ihren Fußballdress. Die neueren Fotos sind auf unserer Website zu sehen: www.afghanistan-nimroz.de

Eine erfreuliche Erfahrung mit den Kindern war, dass einige von ihnen mir zum ersten Mal, wenn auch etwas zaghaft und eher schüchtern, ihre Zuneigung gezeigt haben. Sie haben bei jeder Gelegenheit den Körperkontakt mit mir gesucht und bei der Verabschiedung gesagt, dass sie mich vermissen würden. Ich erwähne diese Erfahrung auch deshalb, weil diese Kinder hochgradig traumatisiert sind und auch in dem Waisenhaus kein kindgerechtes Dasein führen. Ein Waisenhaus kann niemals eine Familie ersetzen. Aber ihre Reaktionen gab mir die Hoffnung, dass ihre kleinen verletzten Seelen vielleicht dabei sind, sich etwas zu erholen. Dass sie vielleicht doch noch in der Lage sind, so etwas wie eine Bindung zu jemanden aufzubauen. Wir hoffen, es gelingt ihnen, wieder etwas Vertrauen zu Menschen zu entwickeln.

Was mich auch erfreut und zugleich erstaunt hat, ist die enorme Selbständigkeit dieser Kinder. Zwei von ihnen haben mit mir den Einkauf von Kleidung für 30 Knaben innerhalb von drei Stunden über die Bühne gebracht. Ich habe in den letzten Jahren mindestens zwei Tage dafür gebraucht. Auch das Servieren und Aufräumen der gemeinsamen Mahlzeit übernahmen die Kinder selbst. Es lief alles reibungslos, und ich habe nur gestaunt, wie geschickt diese Kinder sind. Sie übernehmen auch teilweise die Verantwortung für die kleineren. Ich erlebe, wie die jeweiligen Kinder von den Großen daran erinnert werden, zu der zweiten Nachmittagsschicht in die Schule oder in den Computer-Raum zu gehen. Wahrscheinlich hat der sympathische Leiter aus Altersschwäche sämtliche Arbeiten an die Kindern delegiert. Das hat die Kinder notgedrungen zu cleveren und selbstständigen Jungen heranwachsen lassen.

Schule der Freiheit Nr. 1 (in Sarandj)

Für diese Schule bekomme ich – stellvertretend für Sie – von der Bevölkerung viele Komplimente. Sie hat einen guten Ruf. Alle sind bemüht, für ihre Kinder dort einen Platz zu ergattern. Mittlerweile besuchen 2.230 Kinder – 1.230 Mädchen und 1.000 Jungen diese Schule. Einige unserer Siebtklässler vom letzten Jahr haben durch eine besondere Prüfung eine Klasse übersprungen und einige Neuzugänge aus anderen Schulen haben dafür gesorgt, dass eine Klasse 9 mit 15 Mädchen aufgemacht werden konnte. Somit hat nun die Schule die Voraussetzung erfüllt, zu Oberschule aufzusteigen. Wenn Afghanistan noch drei Jahre lang von den Taliban verschont würde, könnten wir die ersten Abiturientinnen der Gesellschaft präsentieren. Und ich werde dann in Ihrem Auftrag eine große Abiturfeier für diese Mädchen veranstalten.

Weitere Unterstützungen für die Schulen

Wir haben einer Schulbibliothek für 1.000 Euro Bücher gespendet. Ebenso haben wir drei Schulen und dem Waisenhaus Weltkarten für den Unterricht im Fach Erdkunde geschenkt. Ich habe letztes Jahr festgestellt, dass keiner der Schulen über Landkarten verfügen. Deshalb habe ich diesmal bei meiner Durchreise im Iran neun große Landkarten besorgt, sie mit durchsichtigem Plastik überziehen und anschließend einrahmen lassen.
Außerdem bekam der Lehrer in unserer „Schule der Freiheit Nr.2“ sechs Mathematikbücher (von der ersten bis zur sechsten Klasse) und ein Englisch-Wörterbuch für den Unterricht. Ich denke, einem Mullah als Lehrer kann so etwas von Nutzen sein. Auch diese Bücher habe ich im Iran besorgt.

Es ist erzählenswert, warum das Waisenhaus auch zwei Landkarten bekommen hat. Wie oben erwähnt, verhielten sich die Kinder diesmal ziemlich offen zu mir. Sie stellten viele Fragen, unter anderem, wo ich wohl leben würde, wo Deutschland läge, ich solle einige Sätze auf Deutsch aufsagen usw. Mehrere Kinder sagten gleichzeitig, jetzt wäre eine Weltkarte gut, um zu sehen, wo Deutschland liegt. Es war ein wunderbares Gefühl, am nächsten Tag mit zwei Landkarten – einer Weltkarte und einer Afghanistankarte – unter dem Arm aufzutauchen und ihnen Deutschland darauf zu zeigen.

So, meine lieben FreundInnen, wenn auch die Lage in Nimroz nicht so gut ist wie früher, fällt mir doch der berühmte Spruch eines weisen Mannes ein: „Wen du glaubst, dass die Welt morgen untergeht, dann pflanze heute noch einen Apfelbaum“. Ich hoffe, Sie unterstützen uns bei der Pflanzung weiterer „Apfelbäume“.

In Liebe und Dankbarkeit

Ihre Mariam Notten und Ute Scheub

Aktuelle Fotos von der Reise von Frau Notten im Oktober 2008 finden Sie in den jeweiligen Bereichen:

Schule der Freiheit
Schule in "Vier Türmchen"
Waisenhaus
Straßenkinder
Frauenbäckerei