Jahresbericht 2007

Liebe SpenderInnen und FreundInnen von Nimroz,

zunächst möchten wir Ihnen nachträglich ein gesundes und glückliches Jahr 2008 wünschen. Wir hoffen, Sie haben ein besinnliches und friedliches Weihnachten verbracht.

Ich (Mariam Notten) bin wie jedes Jahr über die Weihnachtferien nach Nimroz gereist und habe in Ihrem Auftrag nach unseren Projekten geschaut.

Wenn auch die Reise für mich diesmal aus verschiedenen Gründen ziemlich beschwerlich war, haben mich doch die Erlebnisse mit den Menschen in Nimroz für all die Mühen entschädigt. Und ich möchte in diesem Bericht, so gut wie es geht, diese wunderbare Erlebnisse mit Ihnen teilen. Denn ohne Ihre Spenden wäre all das nicht möglich geworden.

Das Waisenhaus

Rückblick: Wie bereits mehrmals berichtet, ist am Bau des Hauses ein anderer Verein mit dem Namen „L.Afghan e.V.“ mitbeteiligt, ansässig im norddeutschen Leer. Wir haben bereits 2005 beschlossen, uns an die Finanzierung des Baues nicht mehr zu beteiligen.

Die Bauarbeiten an diesem Haus nehmen seit vier Jahren kein Ende. Offensichtlich ist der Verein „L.Afghan e.V“ nicht kompetent genug, ein Projekt erfolgreich abzuschließen.

Der Direktor für Sozialwesen hat bei der Regierung den Antrag auf Umzug der Kinder in ein anderes Haus gestellt. Denn durch den Staub der seit Jahren im Hof herumliegenden Baumaterialen im Hof bekommen die Kinder regelmäßig und besonders in den Sommermonaten starke Nasenblutung und Kopfschmerzen. Durch den Ausbau des Dachgeschosses sind die Decken in mehreren Räumen rissig geworden und es regnet durch. Man befürchtet den Absturz der Decke in der nächsten Regenzeit.

Wir müssen jetzt abwarten, wie „L.Afghan e.V.“ in diesem Fall reagiert. Deren Vertretung hielt sich während meines Aufenthaltes in Nimroz auf und stritt sich täglich mit den Bauarbeitern herum.

Nun zu den schönen Nachrichten aus dem Waisenhaus

Da ich bei meiner Reise im Jahr 2003 schon einmal einen Tag lang Weihnachten mit den Kindern gefeiert hatte, wollte ich dieses wunderbare Erlebnis etwas geplanter wiederholen. Dieses Jahr war der Weihnachtsmann zu den Kindern sehr großzügig. Bereits in Berlin haben wir auf dem Flohmarkt etwa zehn Kilo Legosteine und 20 Tierpuzzles, Ballschläger und Bälle und eine Menge Raumschmuck und Konfetti gekauft. Diese Kinder kennen in ihrer kargen Umwelt weder Farben noch Tiere außer den Haustieren, geschweige denn Spielzeug. Bei meiner Durchreise durch den Iran besorgte ich ihnen noch Malhefte und Malfarben, weil nicht jeder Artikel in Nimroz zu kaufen ist. Als weitere Geschenke haben wir den Jungen warme lange Unterwäsche, warme Socken und Pullover gekauft, denn im Winter kann es auch in Nimroz sehr kalt werden. Weitere Kleidung haben sie nicht gebraucht, weil sie beim Opferfest bereits beschenkt worden waren.

Unsere Feier fiel dieses Jahr auf den 26. Dezember, einen Tag nach meiner Ankunft in Nimroz. Ich besuchte bereits am 25. Dezember das Waisenhaus und gab Anweisungen für den Kauf von Lebensmitteln für eine festliche Mahlzeit. Wie die Kinder am Tag darauf gemeinsam die Räume geschmückt haben, ihre Geschenke entgegen nahmen und wie sie die köstliche Mahlzeit genossen haben, habe ich für Sie auf Fotos festgehalten. Denn all diese glückliche Momente in den Gesichtern dieser Kinder zu beschreiben, überschreitet meine schriftstellerische Fähigkeit. Ich würde Ihnen daher empfehlen, schauen Sie sich bitte diese Fotos auf unserer Website an.

In diesem Bericht kann ich Ihnen von diesem Tag nur so viel sagen, dass ich in unzähligen Momenten in Dankbarkeit an all diejenigen Menschen gedacht habe, die mit ihren Spenden den Kindern diesen Tag ermöglicht haben.

Computer und Englischkurse

Das Waisenhaus ist mittlerweile von anderen Hilfsorganisationen entdeckt worden. Eine amerikanische Organisation hat den Kindern vier Computer zur Verfügung gestellt und finanziert einen Lehrer, der den Kindern täglich drei Stunden den Umgang mit dem PC beibringt. Die Fotos stehen auf unserer Website

Außerdem kommen zwei Englischlehrerinnen wöchentlich dreimal und unterrichten die Kinder jeweils zwei Stunden. Viele der Kinder konnten mir ihre Englischkenntnisse in Form von Liedern vortragen. So lernten sie die Wochentage in Englisch. Nach Auskunft der Kinder ist eine der Lehrerinnen Amerikanerin und die andere halb Italienerin, halb Engländerin. Ich habe sie aber nicht kennen gelernt, weil sie in den Winterferien nicht in Nimroz waren.

Zwei afghanische Lehrerinnen helfen ihnen weiterhin bei den Hausaufgaben. Und ein sehr junger Mullah bringt ihnen den Koran bei. Donnerstags ist Spiel- und Badetag und am Freitag geht eine Gruppe von ihnen in der Schule nebenan zum Fußballspielen. Wie Sie sehen, haben die Kinder neben dem Schulbesuch ein straffes Wochenprogramm.

Wie ein Junge zum Ehemann gemacht wird

Bei meiner Ankunft wohnten diesmal 32 Kinder im Haus. Laut Leiter des Waisenhauses sind zwölf der älteren Kinder „entlassen“ worden. Das heißt, sie wurden von Angehörigen abgeholt, wahrscheinlich, um arbeiten zu gehen und zum Lebensunterhalt ihrer Angehörigen beizutragen. Einer der entlassenen Jungen besucht weiterhin den Computerkurs im Waisenhaus. Bei meinem Gespräch mit ihm stellte sich heraus, dass er bei seinem Onkel lebt und mit der Tochter des Onkels bereits verheiratet ist. Auf meiner Frage, warum er so früh geheiratet habe, antwortete er sinngemäß: Sein Onkel habe es gut mit ihm gemeint und entschieden, seine Tochter mit ihm zu verheiraten. So schnell können aus Jungen Ehemänner gemacht werden.

Die „Schule der Freiheit“

In der “Schule der Freiheit“ haben wir im Jahr 2006 den Bau eines größeren Lehrerzimmers und sechs Toiletten-Kabinen in Auftrag gegeben. Beide Aufträge sind zu unserer Zufriedenheit erfüllt worden. Außerdem haben wir den Schulhof mit Kies belegen lassen, damit die enorme Staubentwicklung reduziert wird und die Kinder in den Pausen draußen spielen können. Als Nebeneffekt hat sich mittlerweile eine Volleyballgruppe von Mädchen gebildet, die ich für Sie auf Fotos festgehalten habe

Unsere Arbeit trägt Früchte

Wir begleiten nun seit fast sieben Jahren diese Kinder, Sie mit Ihren Spenden und wir durch unsere Arbeit. Die schönste Frucht, die ich Ihnen aus dieser Schule präsentieren kann, heißt:

Die erste Generation unserer Schülerinnen besucht nun die Oberschule!

56 der Mädchen besuchen die 7. Klasse, die Jungen wurden von ihnen getrennt und auf andere Oberschulen geschickt. Unsere Schule wird nächstes Jahr offiziell zur Oberschule erklärt. Daher sind die Mädchen weiterhin in unserer Schule geblieben.

Wir mussten uns zurückhalten, dieses Jahr das Schulgebäude streichen zu lassen, denn mit den wenigen Einnahmen, die wir haben, würde das für unseren Verein einen „Luxus“ bedeuten.

Letztes Jahr hat uns das Kollegium der „Schule der Freiheit“ ein Dankesbrief an Sie als SpenderInnen und an mich als Ihre Auftragsgeberin geschrieben. Bitte lesen sie die Übersetzung dieses Briefes auf unserer Website.

Neue Schule in „vier Türmchen“

Mit Stolz können wir Ihnen mitteilen, dass wir eine zweite Schule in einem sehr entfernten Ort mit dem Namen Tschar Burdschak (vier Türmchen) im Süden von Nimroz in Auftrag gegeben haben, und zwar bereits vor meiner Reise.

Dieses Projekt wurde nach dreijährigem Ansparen der Spenden und vor allem durch eine für uns ungewöhnlich große Spende seitens der Familie Boye aus Berlin und der Familie Jahn aus Leverkusen ermöglicht. Wir bedanken uns hier noch einmal bei Ihnen und bei Familie Boye sowie bei Familie Jahn im Namen der Menschen aus Nimroz.

Die Bauarbeiten für diese Schule sind noch nicht abgeschlossen. Sie besteht aus sechs Klassenräumen, einem Lehrerzimmer und acht Toilettenkabinen. Voraussichtlich 150 bis 200 Mädchen und Jungen werden gemeinsam diese Schule besuchen. Das Gebäude wurde auf einem kleinen Hügel in der unmittelbaren Nähe des (in der Regenzeit) schönen und mächtigen Flusses Helmand gebaut. Auch diese Fotos und die von der alten Schule in diesem Dorf, die diesen Namen nicht wirklich verdient, weil sie aus drei Lehmlöchern bestand, können Sie sich auf unserer Website anschauen.

Bei meinem Besuch bei den Dorfbewohnern wurde über den Namen für diese Schule diskutiert. Es standen zwei Vorschläge zur Auswahl. Entweder den Namen eines berühmten Märtyrers oder die Bezeichnung „Freiheit“. Ich habe vorgeschlagen, von dem ersten Namen Abstand zu nehmen. Es wurde noch nichts entschieden, aber ich hatte den Eindruck, dass mein Vorschlag angekommen war und sie die Schule wahrscheinlich „die Schule der Freiheit“ oder ähnlich nennen werden.

Kleinstkredite an Frauen

Wir hatten Ihnen letztes Jahr berichtet, dass durch die Globalisierung und die Überschwemmung Afghanistans mit ausländischen Billigwaren unsere Frauenprojekte geschlossen werden mussten, weil ihre Produkte zu teuer wurden und keinen Absatzmarkt fanden. Nun haben wir uns außerhalb der Hauptstadt Sarandsch auf dem Land umgeschaut. Wir fanden heraus, dass Viehhaltung eine gute Erwerbsquelle für Witwen darstellt. In einer der Dörfer fanden wir sieben Familien, in der die Mutter oder die Großmutter das Oberhaupt der Familie ist, und gaben ihnen für den Kauf von Ziegen jeweils einen kleinen Kredit.

Wenn in zwei Jahren der erste Wurf an Zicklein verkaufsfähig ist, soll der Kredit zurückgezahlt werden. Von dem Verkauf der Milch und den anderen Erzeugnissen kann die Familie ihr Einkommen verbessern.

Neue Frauenbäckerei

Da unsere erste Frauenbäckerei eine Erfolgsstory wurde, fanden wir eine Möglichkeit, die zweite Bäckerei in Auftrag zu geben. Auch diese Bäckerei wird sich in einer Mädchen-Oberschule in Sarandsch befinden, und auch hier wird eine Frau Brote backen, an die SchülerInnen und LehrerInnen verkaufen und damit ihre Familie ernähren können.

Unsere erste Bäckerin hat es mittlerweile zu einem bescheidenen Wohlstand gebracht. Offensichtlich kann sie mit Geld gut umgehen. Bei meinem Besuch bei ihr zu Hause zeigte sie mir stolz und dankbar drei Ziegen, einen Kühlschrank und einen Fernseher. Sie meinte, dank der Bäckerei könnten nun auch ihre Kinder Milch und Käse zum Frühstück essen, und den ersten Wurf der Ziegen habe sie bereits verkauft.

Sonstiges

Die Arbeiten am Bau des Kanals gehen langsam voran. Von den etwa 80 Kilometern sind gerade ca. 10 Kilometer fertig. Hoffentlich versandet dieser Teil bei nächsten Sandstürmen im Sommer nicht wieder.

Meine lieben FreundInnen, über die politische Situation in ganz Afghanistan, aber aber auch in Nimroz könnte ich eine Menge negative Sachen schreiben. Aber wir haben uns die Weisheit zum Arbeitsmotto gemacht: „Wenn du glaubst, dass die Welt morgen unter geht, pflanze noch heute einen Apfelbaum“. Daher verschone ich Sie mit den schlechten Nachrichten und überlasse diese Aufgabe den Medien.

Wir hoffen, dass Sie mit unserer Arbeit, die wir in Ihrem Auftrag erledigt haben, zufrieden sind.

In Dankbarkeit grüßen Sie herzlich

Ihre Mariam Notten und Ute Scheub