Jahresbericht 2006

Meine lieben FreundInnen von Nimroz,

wie gewohnt, möchten wir Ihnen über Ihre/unsere Projekte aus Nimroz berichten.
Ich (Mariam Notten) war in Ihrem Auftrag vom 30.9.06 bis 14.10.06 in Nimroz und habe viel Positives und einiges nicht ganz Positives zu berichten.

Die Schule der Freiheit

ist und bleibt weiterhin (neben der Bäckerei) einer unserer besten Investitionen in Nimroz. Ihr Volumen an SchülerInnen und Lehrerschaft vergrößert sich in rasanter Geschwindigkeit. Das Prinzip der Nimrozer Bildungsbehörde, „ kein Kind abzuweisen, das die Schule besuchen will“, hat dazu geführt, dass derzeit 2000 SchülerInnen unsere Schule besuchen und mangels Platz in drei Schichten unterrichtet werden. Die Anzahl der größtenteils weiblichen LehrerInnen ist dadurch von anfänglich10 auf 50 angestiegen. Das bedeutet, dass wir quasi als Nebeneffekt 50 Arbeitsplätze geschaffen haben, die allermeisten für Frauen. Mit dem Reinigungs- und Verwaltungspersonal sind es fast 60 Angestellte, die ihr Lebensunterhalt durch dieses Projekt verdienen.

Dieses Jahr haben wir mit Hilfe Ihrer Spenden ein größeres Lehrerzimmer und sechs weitere Toiletten für die SchülerInnen in Auftrag gegeben, weil das bestehende Lehrerzimmer von etwa 12 qm² für 50 KollegInnen zu klein geworden war. Ebenso trugen die bestehenden sechs Toiletten den Bedürfnissen der SchülerInnen nicht mehr Rechnung. Außerdem haben wir den Schulhof mit Kies ausgelegt, damit die enorme Staubentwicklung ein Ende hat. Es sei erwähnt, dass die Provinzregierung die Kosten (1.427 Euro) für die Planierung getragen hat. Unser Grundsatz, dass die Provinzregierung 30% aller Kosten bei allen Projekten übernehmen sollte, bleibt nach wie vor bestehen.
Zudem werden einige Sportgeräte (Volleyball + Basketball) in dem Hof installiert.

Was die Ausbreitung des Kieses angeht, möchte ich Ihnen eine kleine Szene erzählen:
Unser Auftrag an die Baufirma lautete, zunächst genügend Kies zu liefern und erst, wenn die Bauarbeiten an Lehrerzimmer und Toiletten beendet sind, den Kies auszubreiten. Doch der Lieferant, ein alter Mann, begann nach jeder Lieferung gleich den Kies auszubreiten. Das Ergebnis war ein länglicher kiesbedeckter Streifen im Hof. Und schon begannen die ersten Jungs, auf diesem Streifen Fußball zu spielen Es war eine anrührende Szene. Ich wollte meinen Fotoapparat holen, um diese Szene für Sie festzuhalten, aber da klingelte es, und die Kinder verschwanden in ihren Klassen.

Der erste Jahrgang unserer SchülerInnen wird nächstes Jahr in die Oberschule gehen! Zu unserer Freude beabsichtigt die Provinzregierung, ein weiteres Gebäude für die Oberschulklassen neben das unsrige zu bauen. Das werden immerhin 10 Klassen mit jeweils 40 Kindern sein. Sie haben es mit Ihrer Spende ermöglicht, dass diese Kinder nicht mehr in den staubigen Gassen von Sarandj vegetieren müssen!

Vor zwei Jahren haben wir für 300 der SchülerInnen und 10 LehrerInnen neue Uniforme nähen lassen. Jede Uniform (Stoff + Nähen) kostete uns etwas weniger als 10 Euro. Leider aber entstanden, als unbeabsichtigter Nebeneffekt, Neid und Konkurrenz bei denjenigen, die keine Uniform bekommen haben.

Unsere Partnerschule, die „Zinnowwald Schule“ in Berlin, hat Spenden für die Erstellung von Schuluniformen gesammelt. Wir hielten es (aus den o.g. Grund) für ratsam, entweder für alle 2000 SchülerInnen Uniformen zu besorgen oder für niemanden. Die Kosten (etwa 20.000 Euro) hätten unsere Kapazität jedoch bei weitem überschritten.

Zudem haben wir festgestellt, dass wir für weitaus weniger Geld eine neue Schule bauen könnten. So haben wir uns statt Uniformen für eine neue Schule außerhalb Sarandj in einem sehr entfernten Dorf im Süden von Nimroz entschieden. Und wir werden dadurch nicht nur vielen Kindern eine bessere Zukunft ermöglichen, sondern auch einige neue Arbeitsplätze für Frauen schaffen. Denn Uniformen werden nach einem Jahr unbrauchbar, aber eine Schulbildung ist das Kapital für’s Leben.

Wir hoffen, dass wir in dieser Hinsicht in Ihrem und im Sinne des Kollegiums der Zinnowwald Schule gehandelt haben.

Frauenbäckerei:

Dieses Projekt funktioniert einwandfrei wie ein Selbstläufer und ernährt eine siebenköpfige Familie (Mutter und sechs Kinder).

Wir hatten beabsichtigt, noch mehr Bäckereien zu gründen- Doch leider hat nicht nur die Globalisierung mit ihrer Billigprodukten den Frauen diese Möglichkeit genommen, sondern auch die männliche Konkurrenz. In den so genannten weiblichen Berufen, also Bäckerei und Näherei, arbeiten hauptsächlich Männer. Sie haben mittlerweile nicht nur im Bazar von Sarandj Back- und Nähstuben eröffnet, sondern auch in den entfernten Gassen, wo Schulen oder Wohnhäuser stehen.

Aus diesem Grund sind alle diejenigen, die humanitäre Arbeit für Frauen leisten, im weiten Teile Afghanistans ziemlich ratlos. Selbst unseren FreundInnen in Kabul sind diesbezüglich derzeit die Ideen ausgegangen.

Frauennäherei:

Wir haben unsere Nähmaschinen an ein anderes Frauenprojekt weitergegeben, weil sie nicht mehr benutzt wurden. Die in diesem Projekt hergestellten Waren werden an armen Familien verschenkt(!), weil sie sonst keinen Markt finden würden (siehe oben).

Das Waisenhaus:

Zur Erinnerung: Bei diesem Projekt handelt es sich um ein gemeinsames Projekt mit dem Verein L’Afghan, ansässig im norddeutschen Leer.

Anscheinend hat dieser Verein vor, aus diesem Projekt ein Jahrhundertwerk zu schaffen. Auf jeden Fall nehmen seit vier Jahren die Bauarbeiten an diesem Haus kein Ende. Es wird nur noch gebaut, ohne Rücksicht auf die realen Bedürfnisse der Kinder und der Provinz Nimroz.

In diesem Haus leben mittlerweile etwa 50 Kinder. Nicht alle sind Waisen. Ein Teil von ihnen wird dort kurzfristig „geparkt“, wenn ihre Angehörigen zum Arbeiten woanders hingehen, meistens in den Iran. Daher variiert die Anzahl der Kinder zwischen 40 und 50. Offenbar gibt es in der ganzen Provinz Nimroz nicht mehr Waisenknaben, das haben uns auch die Angestellten bestätigt. Die Erweiterung des Waisenhauses ist nur eine Einladung, noch mehr Kinder dort kurzfristig zu „entsorgen“. Von daher verstehen wir diesen Baueifer des Vereins L’Afghan nicht. Die Verantwortlichen von L’Afghan hören weder auf die Ratschläge der Angestellten des Waisenhauses noch auf unsere. Das Ergebnis ist eine seit vier Jahren bestehende riesige Baustelle.

Wir haben aus diesem Missstand folgende Konsequenz gezogen: Keine Beteiligung mehr an den Baukosten! Wir werden für das Waisenhaus nur noch dann Geld ausgeben, wenn es direkt den Kindern zugute kommt, in Form von Kleidung, Spielzeug, Schulmaterial oder Einrichtung ihrer Wohnräume.

Ein Beispiel: Beim muslimischen Ramadanfest herrscht der Brauch, dass besonders Kinder neue Kleidung tragen sollten. Wir haben Schneider kommen lassen, sie nahmen bei 46 Kindern Maß und nähten ihnen innerhalb einer Woche ihre neuen Kleider. Außerdem besorgten wir ihnen neue Schuhe und Shirts. Alles in Plastiktüten fein verpackt, wartet die Kleidung in kleinen Blechkoffern darauf, an den Festtagen getragen zu werden.
Wir verdanken diese Aktion einer großzügigen Spende des Kindermissionswerks Aachen. Ihre Weihnachtskollekte „die Sternsänger“ war extra für diesen Zweck bestimmt.

Als weitere gute Nachricht ist zu erwähnen, dass ein neuer Leiter das Haus führt. Er übte früher den Beruf des Lehrers aus, ist pädagogisch viel gewandter als der alte Leiter, und er besitzt ein sanftes liebevolles Wesen. Sein Umgang mit den Kindern erinnert an einen entspannten, alt gewordenen Vater. Wir hoffen, dass uns dieser Mann längere Zeit erhalten bleibt.

Und noch eine weitere positive Entwicklung: Bald wird eine gut ausgerüstete Werkstatt für Jungen in der unmittelbaren Nähe des Hauses eröffnet werden. Es sind bereits 15 Anmeldungen aus dem Waisenhaus bei der Werkstatt eingereicht worden. Somit werden demnächst 15 ältere Waisenkinder dort ein Handwerk lernen.Die Jungen besuchen fleißig in zwei Schichten die Schule. Zwei Lehrerinnen helfen ihnen vormittags bei den Schulaufgaben, nachmittags sind die Frauen leider nicht bereit zu unterrichten, weil sie selbst eine Familie zu versorgen haben. Nachmittag bekommen die Kinder von einem Mullah für zwei Stunden Koranunterricht und werden in die Gepflogenheiten des Glaubens eingeführt. Nach einem längeren Gespräch mit ihm zu urteilen, scheint dieser Mullah kein Dogmatiker oder Fundamentalist zu sein.

Zwei der ältesten Jungen haben es in der Schule sogar bis zu dem Amt „Pausen-Aufsicht“ gebracht. Es kann als Zeichen ihrer Integration in die Schulgemeinschaft interpretiert werden, was für Waisenkinder sehr wichtig ist.

Wasserknappheit der Provinz Nimroz:

Zur Erinnerung: Die Region leidet an Wasserknappheit, obwohl der größte afghanische Fluss diese Provinz durchquert. Das liegt daran, dass es der Bevölkerung nicht möglich ist, das Wasser für die Trockenzeit zu stauen, und die alten Bewässerungskanäle allesamt versandet sind. Dadurch sind weite Teile des Landes verwüstet, und die Wüstenbildung schreitet fort. Die Wasserversorgung aufzubauen ist ein Milliarden-Projekt, und bislang war kein Ministerium in Kabul bereit, die Kosten aufzubringen.

Aber nun ist dieses Projekt endlich bewilligt worden! Das bedeutet für Nimroz: In etwa vier Monaten wird in einer der größeren Kanälen Wasser fließen und tausende Hektar Land bewässern, es werden hunderte von Bauernfamilien aus dem Iran zurückkehren, und in einer Region, in der kein einziges grünes Blatt zu sehen ist, werden sich grüne Felder ausbreiten! Wir sollten den AfghanInnen nur noch einen schneereichen Winter wünschen.

Die Arbeiten direkt am Fluss, eine Art Schleuse zu Regulierung des Wassers in den Sommermonaten zu bauen, sind ebenso in Angriff genommen. Sie werden aber bestimmt ein paar Jahre andauern. An Ende (wenn nichts dazwischen kommt) wird Nimroz hoffentlich wieder sein, was es einstmal war: die Kornkammer Zentralasiens.

Auch die neue Strasse, die bald fertig gebaut wird, führt durch Nimroz. Sie wird von manchen die „neue Seidenstrasse“ genannt, weil sie die Golfstaaten mit Indien verbindet. Und weil die Provinz an der Grenze zum Iran liegt, wird sie hoffentlich bald von den Zolleinnahmen profitieren.

Meine lieben FreundInnen,
wir haben uns gemeinsam für die Unterstützung der ärmsten und politisch vernachlässigsten Region Afghanistans entschieden. Wir haben versucht, soweit es uns möglich war, dort den Menschen zu helfen. Und wir wurden selbst von AfghanInnen bestaunt, dass wir unsere Projekte ausgerechnet in Nimroz aufbauen. Diese Provinz genießt den Ruf des „heißen Sibiriens“. Wenn sich jemand in Kabul in der Vergangenheit etwas zur Schulden kommen lassen hatte, wurde er von den Behörden nach Nimroz strafversetzt. Ich kannte einen befreundeten Arzt aus Kabul, dem das in den 70-er Jahren geschah. Er hat es dort gerade sechs Monate ausgehalten und ist dann nach Pakistan emigriert.

Wie es scheint, war unsere Entscheidung richtig, und wir werden uns weiterhin in Nimroz engagieren. Denn wir glauben, dass jeder Mensch in der Lage ist, die Welt zu verändern, und wenn es auch nur vier Quadratmeter um ihn herum sind.

Wir alle, Sie durch Ihre Spenden und wir durch unsere Arbeit, haben viele Quadratmeter Nimroz verändert. Darauf können wir ruhig stolz sein.

In Liebe und Dankbarkeit

Ihre Mariam Notten und Ute Scheub
für den Vorstand