Jahresbericht 2005
Scheherazade e.V.

Liebe FreundInnen und liebe SpenderInnen,

wie gewohnt möchte ich Ihnen den Jahresbericht über unsere Projekte in Nimroz/Afghanistan überreichen. Sie haben uns durch Ihre großzügigen Spenden die Möglichkeit gegeben, den Menschen in einer der ärmsten Regionen Afghanistans, die im Gegensatz zu den meisten anderen jedoch demokratisch orientiert ist, zu helfen. Wir danken Ihnen dafür von Herzen.

Neugründung des Vereins
Manche von Ihnen werden sich vielleicht wundern: Hieß der Verein nicht früher „Berliner FrauenfrAktion e.V.“? Sie haben Recht. Nach den Terroranschlägen des 11. Septembes 20001 besuchte ich durch Zufall diese Frauengruppe in Berlin und wurde von ihnen wie eine Schwester aufgenommen. Ohne den moralischen Beistand dieser Frauen hätte ich die Bombardierung meiner Heimat durch die Bush-Regierung kaum ertragen und auch die Projekte in Nimroz nicht aufbauen können.

Mit der Zeit ergab sich jedoch ein Problem: Die „Berliner FrauenFrAktion“ hatte sich einstmals als rein feministischer Verein gegründet, der ausschließlich Frauen und Mädchen unterstützen wollte. Bei der Unterstützungsarbeit für Nimroz, und vor allem im Bildungsbereich, waren die Geschlechter aber nicht so fein säuberlich zu trennen – zum Glück nicht! Denn es ist ein Riesenfortschritt für ganz Afghanistan, dass in Nimroz Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet werden. Nur den Mädchen zu helfen, hätte in diesem Falle paradoxerweise einen Rückschritt bedeutet. Wir haben uns deshalb in aller Freundschaft von der „FrauenfrAktion“ getrennt.

Zur Finanzierung unserer Projekte habe ich deshalb im Jahre 2005 den gemeinnützigen „Verein zur internationalen Völkerverständigung – Scheherazade e.V“ gegründet, zusammen mit Ute Scheub und weiteren FreundInnen.

Der neueste Stand unserer Projekte:

Das Projekt „Schule der Freiheit“
Wir haben diese Schule mit 10 Klassenräumen im Jahre 2003 zunächst für 346 Kinder aufgebaut. Im Jahr 2004 sind tausende von Flüchtlingen aus dem Iran nach Nimroz zurückgekehrt, ihre Kinder wurden in den Schulen von Sarandj, der Hauptstadt von Nimroz, eingeschult. Darunter auch in die „Schule der Freiheit“. Da die nunmehr 1.150 Kinder in den Klassenräumen keinen Platz mehr fanden, beschloss die Schulbehörde von Nimroz, Zelte im Schulhof aufzustellen, die als Klassenzimmer dienten. Die SchülerInnen wurden in drei Schichten unterrichtet. Letztes Jahr, nachdem wir (Ute Scheub und Mariam Notten) die Schule besucht hatten, nahmen wir uns vor, die Schule um acht weitere Klassenräume zu erweitern. Dank Ihrer Spenden haben wir die Frauengruppe von Nimroz damit beauftragen können, die Baumaßnahmen in die Wege zu leiten. In Juli dieses Jahres wurde der neue Schultrakt von mir (Mariam Notten) eröffnet. Nun können insgesamt 1.100 Kinder in zwei Schichten hier unterrichtet werden. Allerdings musste ich bei meiner Reise im Oktober feststellen, dass schon wieder neue Kinder in die Schule aufgenommen und Zelte auf dem Schulhof aufgestellt wurden, nunmehr sind es 1.600 Kinder. Wir freuen uns, dass unsere Schule so regen Zuspruch erhält, der Bedarf ist offensichtlich riesig, und die Schule hat einen guten Ruf. Wir hoffen nun auf weitere Spenden, um noch einen Trakt bauen zu können. Liebe SpenderInnen, wenn von diesen Kindern nur 300 die Schule erfolgreich beenden würden, dann haben Sie durch Ihre Spende etwas Großartiges geleistet. Sie können stolz auf sich sein.

Schuluniformen für die „Schule der Freiheit“
Letztes Jahr konnten wir 300 Kindern eine Schuluniform bereitstellen. Vielleicht gelingt uns eines Tages, allen 1100 Kindern dies zu ermöglichen. Damit wird der soziale Unterschied zwischen den SchülerInenn wenigstens an ihrer Kleidung nicht sichtbar sein.

Die Stadtbücherei von Sarandj
Wie überall in Afghanistan haben seinerzeit die Taliban nicht nur die Schulen geschlossen und teilweise zerstört, sondern sie haben auch Bücher verbrannt, darunter die Stadtbücherei der Hauptstadt von Nimroz. Der Regierung von Nimroz ist es gelungen, eine neue Bücherei zu bauen, die drei Tage in der Woche für Frauen und drei für Männer zugängig ist. In Rahmen einer Aktion wird derzeit versucht, die Bevölkerung zu motivieren, die von den Taliban verschonten und in Privatbesitz befindlichen Bücher der Bibliothek zu schenken oder zum Kauf anzubieten. Unser Verein hat im Oktober dieses Jahres der Bücherei Bücher im Wert von € 1000 geschenkt.

Das Projekt Waisenhaus
Wie einige von Ihnen sich noch erinnern können, haben wir dieses Projekt gemeinsam mit einem deutsch-afghanischen Verein, „L’ Afghan e.V.“, aus der Stadt Leer gegründet.

Da wir weder über die Baumaßnahmen noch über das pädagogische Konzept des Waisenhauses allein entscheiden dürfen, laufen beide Maßnahmen sehr schleppend voran. Unser Verein hat in Sommer dieses Jahres der „L´ Afghan e.V.“ eine ganze Reihe konstruktive Vorschläge gemacht, damit dieses Projekt endlich erfolgreich abgeschlossen wird. Der Vorstand des „L´Afghan e.V.“ hat uns versprochen, alle unsere Vorschläge vor Ort in Nimroz zu überprüfen und so weit wie möglich umzusetzen. Aktuell besteht das Waisenhaus nur aus sechs Wohnräumen + Sanitärräumen, einem Lagerraum und eine vom Wohntrakt getrennte Küche. Derzeit wohnen 50 Kinder in den sechs Räumen, der lange Flur wird als Essraum benutzt.

Teppichprojekt
Dieses Projekt haben wir vor zwei Jahren ins Leben gerufen. Dadurch sollte es zwei Frauen ermöglicht werden, das Handwerk des Teppichknöpfens an andere junge Frauen weiterzugeben. Danach sollten die Meisterinnen die Webstühle für den eigenen Gebrauch erhalten und vom Verkauf eigener Teppiche ihren Lebensunterhalt verdienen.

Das funktionierte auch eine Zeitlang; drei Frauen haben dieses Handwerk gelernt.

Leider ist unser Vorhaben nicht auf Dauer in Erfüllung gegangen. Der Teppichmarkt in Nimroz ist durch Billigprodukte, maschinell hergestellte Teppiche aus dem Iran, dermaßen überschwemmt wurden, dass die handgeknüpften und in der Herstellung teuren Teppiche aus unserem Projekt kaum Käufer fanden .Derzeit stehen unsere zwei Webstühle unbenutzt in einem Lagerraum. Die Folgen der Globalisierung sind in Afghanistan in jedem Bereich der innerafghanischen Produktion zu spüren. Viele neu gegründete Firmen müssen wieder schließen, weil sie gegenüber den Billigwaren aus dem Ausland nicht konkurrenzfähig sind. Dazu siehe bitte das Interview mit unserer Teppichweberin .

Liebe Spenderinnen, wenn sich dieses Projekt nicht als effektiv und erfolgreich erwiesen hat, lag es nicht darin, dass wir uns wenig Mühe gegeben haben, mit Ihren Spenden verantwortungsvoll umzugehen. Wir konnten nicht ahnen, dass die Folgen der Globalisierung und die damit verbundene Einfuhr von Billigprodukten uns in Nimroz so schnell einholen wird. Das Steppdeckenprojekt läuft selbständig und ohne weitere Hilfe unsererseits weiter.

Frauenbäckerei
Neben der „Schule der Freiheit“ ist die Bäckerei eines unserer effektivsten Projekte. Mittlerweile arbeitet völlig autark eine junge Frau in diesem Projekt, deren Ehemann verschwunden ist. Er ließ sie mit sechs kleinen Kindern allein zurück. Da die Bäckerei im Gelände einer Mädchenschule gebaut wurde, mangelt es der Bäckerin nicht an KundInnen. Allein den Tagesbedarf der 104 Lehrerinnen zu decken, sichert ihr ein regelmäßiges Einkommen.

Ein hoher Besuch in Nimroz
Sie kennen mit Sicherheit Herrn Rupert Neudeck, den Gründer der Hilfsorganisation „Cap Anamur“ und der Organisation „Grünhelme“. Bei einer Veranstaltung letztes Jahr habe ich (Mariam Notten) die Bekanntschaft diesen großartigen Mannes gemacht. Herr Neudeck war mir seit meiner Jugend ein wichtiges Vorbild. So bin ich nun stolz darauf, Herrn Neudeck nach Nimroz eingeladen zu haben. In Oktober dieses Jahres hat er mit mir zusammen Nimroz bereist und sich vor Ort nach den Problemen der Menschen erkundigt. Ich bin sicher, dass der Besuch eines so wichtigen und großartigen Mannes für Nimroz in Zukunft positive Auswirkungen haben wird.

Großes Vorhaben
Einigen von Ihnen sind wahrscheinlich die Probleme der Wasserversorgung in Nimroz bekannt. Zur Erinnerung: Nimroz liegt in einer Wüstenregion, einer der größten Flüsse Afghanistans namens Hilmand durchquert die Provinz, ist aber auf weite Strecken ausgetrocknet. Bis vor dem Krieg wurde die Landwirtschaft durch zahlreiche Kanälen aus diesem Fluss und anderen kleineren Flüssen versorgt. Durch den über 20 Jahren andauernden Krieg sind alle dieser Kanäle entweder zerstört oder durch Sandstürme versandet. Für die Wiederherstellung dieser Kanäle fehlte der Provinzregierung bislang das Geld. Unser Verein hat sich vorgenommen, der Bevölkerung zu helfen, wenigstens einen dieser Kanäle instand zu setzen. Dieser Kanal befindet sich in Norden von Nimroz, ist etwa 25 Kilometer lang und half seinerzeit, etwa 3000 Hektar bebaubare Landfläche zu bewässern. Würde uns die Finanzierung dieses Projektes gelingen, könnten wir für etwa 200 Familien in dieser Region die Lebensgrundlage wieder herstellen. Diese Familien haben vor dem Krieg ausschließlich von Landwirtschaft und Viehzucht gelebt; viele von ihnen leben immer noch im Iran, weil sie ihre Länderein nicht bewirtschaften können. Es laufen derzeit vorbereitende Gespräche mit den Bauern über einem langfristigen Kredit unserseits zur Finanzierung der Arbeiten an diesem Kanal.

Wir danken Ihnen herzlich für Ihre Geduld und Ihre Unterstützung!

Ihre Ute Scheub und Mariam Notten
Für den Vorstand