Jahresbericht 2004 von Ute Scheub

Wüstenblume Nimroz

Bericht von unserer Reise vom 2. bis 17. April nach Afghanistan. Diesmal mit dabei: Mariam Notten und Ute Scheub von Scheherazade bzw. „FrauenfrAKTION e.V.“, Karin Albers und Bettina van Nes als Filmteam.

Die Provinz Nimroz ist in jeder Hinsicht ein Gebiet der Extreme. Ihr Klima ist ziemlich unerträglich: Ständig wehen Wüstenwinde, Staub, Staub, Staub geht durch alle Ritzen, im April herrschten bereits um die 30 Grad im Schatten, und im Sommer werden es 50 Grad. Dafür aber herrscht dort politisch das freiheitlichste Klima von ganz Afghanistan. Um verwirrenderweise mit dem Schluss unserer Reise zu beginnen: Zufällig trafen wir an unserem letzten Abend eine Delegation der afghanischen Menschenrechtskommission, die gerade zwecks Bestandsaufnahme eine Rundreise durch verschiedene Provinzen unternahm. Ihre Mitglieder, darunter drei Frauen aus Herat, äußerten sich geradezu euphorisch über die Provinz. Nimroz ist eine Wüstenblume.

Die Sicherheitslage und die Lage der Menschen- und Frauenrechte sei nirgendwo sonst so gut, so die Einschätzung der Kommission. Anders als in den anderen Provinzen hätten sie aus der Bevölkerung keine Beschwerden zu hören bekommen. Im Gefängnis habe keine einzige Frau gesessen, also auch keine, die vor ihrem Zwangsehemann weggelaufen und deshalb eingesperrt worden ist. Im Gegensatz zu allen anderen Provinzen, wo im Straßenbild immer noch die Burka dominiert, laufen in Nimruz kaum Frauen mit Ganzkörperschleier herum (nach meiner persönlichen Zählung waren in zwei Wochen neun Frauen mit Burka zu sehen, davon eine Bettlerin, die sich wahrscheinlich ihres Antlitzes schämte, und eine Zugewanderte aus Kabul). In den Grundschulen werden Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet, an den von ihnen angebotenen Seminaren über Menschenrechte hätten Frauen und Männer gemeinsam teilgenommen und offen und kontrovers über alle Probleme diskutiert. Das alles sei zum Beispiel in Herat undenkbar, das vollständig unter der Knute des Warlords Ismail Khan stehe, die Menschen wagten aus Angst vor Repressalien in ähnlichen Seminaren nicht einmal, die UN-Menschenrechtscharta zu zitieren, die Geschlechtertrennung sei total. Eine der Frauen der Menschenrechtskommission beglückwünschte uns zu unserem Entschluss, Projekte in Nimroz zu gründen: Hier seien die Bedingungen viel besser als anderswo, die Regierung sei unbürokratisch und nicht korrupt. Eine andere beglückwünschte uns zu dem Neubau des Waisenhauses. Im Angesicht des halbvollendeten Baus – sechs von zwölf Räumen und das Dach sind fertig, aber der Innenausbau fehlt noch – hätten sie zueinander gesagt: Das müssten aber gute Menschen sein, die das finanzierten.

So etwas hörten wir natürlich gern, aber sind wir wirklich so gut? Immer, wenn solche und ähnliche Lobreden gehalten wurden, entgegneten wir: Wir sind keine besseren Menschen, sondern kommen aus einem Land, das zwei furchtbare Kriege angezettelt hat. Daraus versuchen wir Konsequenzen zu ziehen und unsere Verantwortung wahrzunehmen. Dennoch: Wir konnten uns vor Dankbarkeitsbezeugungen kaum retten, die Gastfreundschaft war geradezu überwältigend.

Mariam hat in ihren zwei bisherigen Reiseberichten schon vieles über die Lebensbedingungen in Nimroz berichtet, ich will hier niemanden mit Wiederholungen langweilen und präzisiere deshalb nur einige Punkte. Neben der Armut ist das fehlende Wasser das größte Problem. In der ganzen riesigen Wüstenprovinz wohnen nur rund 150.000 Menschen, davon 60.000 bis 70.000 in der Hauptstadt Sarandj, die vom nahen Iran aus mit Wassertanklastern beliefert wird (einige Tiefbrunnen gibt es außerdem), und rund 22.000 Menschen in Tscharbortschak, das sich 120 Kilometer südlich von Sarandj am verbleibenden Rinnsal des Helmandflusses entlangschlängelt. Als wir mit dem Jeep durch die Wüste nach Tscharbortschak hoppelten und dabei Tonnen von Staub schluckten, konnten wir kaum glauben, dass diese Gegend einst die Kornkammer Mittelasiens gewesen war. Während der sogenannten Sistan-Kultur, deren Bewohner ähnlich wie die Mesopotamier ein ausgeklügeltes Kanal- und Bewässerungssystem entwickelt hatten, ernährte die Region diesseits und jenseits der heutigen Grenze zum Iran sagenhafte sechs Millionen Bewohner. Sie wurden zur Flucht gezwungen, als die Mongolen ungefähr 1200 nach Christus die Kanäle zuschütteten und damit ihre Lebensgrundlage vernichteten. Der Boden aber ist immer noch ungemein fruchtbar, sobald er nur Wasser hat. Dass der Helmandfluss nun so gut wie kein Wasser mehr führt, liegt einerseits an der Klimakatastrophe und der siebenjährigen Dürre, andererseits aber auch an der unfreundlichen Politik der benachbarten Provinz Helmand sowie am Iran, die beide das Restwasser in ihre Kanäle leiten, während das Kanalsystem von Nimruz kriegsbedingt vom Sand verschüttet ist. Sein Wiederaufbau würde nach Schätzung des in Deutschland lebenden afghanischen Wasseringenieurs Roostai etwa 20 Millionen Euro kosten, ein neuer Staudamm wäre noch viel teurer. Aber wenn die Provinz eine Zukunft haben will, dann braucht sie das Wasser mehr als dringlich. Das iranische Mullahregime hat angekündigt, Ende diesen Jahres alle noch verbliebenen afghanischen Flüchtlinge, etwa zwei Millionen, aus dem Land zu werfen. Der Großteil dieser Menschen wird über Nimroz zurückkehren, und es werden sich humanitäre Katastrophen abspielen, wenn hier nicht Vorsorge betrieben wird.

Ab und zu sieht man eine zerstörte Burg aus den legendären Zeiten der Sistan-Kultur aus dem Wüstensand ragen. Die meisten der trostlosen Ruinenlandschaften, die man auf der Fahrt nach Tscharbortschak sieht, sind allerdings neueren Datums. Das eine Dorf wurde verlassen, als die Sowjets kamen, das andere, als die Taliban einzogen. Auch das Zentrum von Tscharbortschak ist verfallen, nachdem die Sowjets die schönen alten Bauten des Basars vermint hatten. Dennoch ist Tscharbortschak eine örtliche Legende: Die demokratisch und antifundamentalistisch orientierte Nimrozfront unter ihrem Kommandeur und heutigen Gouverneur Karim Barahooie (sprich: Burawi) sorgte dafür, dass die Stadt während der ganzen Zeit der Sowjets befreites Gebiet blieb, und selbst die Taliban wurden für einige Monate vertrieben, bis sie dann doch mit neuen Waffen wiederkehrten. Als die Taliban nach dem 11.September aus Kabul vertrieben wurden, war es wiederum die Nimrozfront, die die Provinz zeitgleich aus eigener Kraft befreite und die Regierung nun schon zum dritten Mal übernahm.

Obwohl diese Geschichte weithin unbekannt ist, obwohl Nimroz nach wie vor „ein weißer Fleck auf der Landkarte ist“, wie es ein Italiener ausdrückte, der in Sarandj in einer NGO arbeitet, obwohl Armut und Not herrschen, könnte die Provinz eine durchaus glänzende Zukunft vor sich haben. „Sarandj ist einer der wichtigsten Hot Spots in Afghanistan, hier pulsiert das Leben, hier wird in die Zukunft investiert“, so drückte es besagter Italiener aus. Tatsächlich wird überall gebaut, Straßen und Häuser und Geschäfte, die Stadt dehnt sich explosionsartig aus. Der Grund: ihre strategisch günstige Lage an einer zukünftigen neuen Handelsroute von den Häfen des Persischen Golfs bis nach Kabul. Bisher verläuft diese Handelsroute in einem nördlichen Bogen über Herat. Doch der erste Teil eines südlichen Bogens ist schon fertiggestellt, die neue Straße von Kabul nach Kandahar, außerdem hat sich Indien angeboten, eine weitere Straße von Kandahar nach Sarandj zu bauen, um seinen Konkurrenten Pakistan auszubooten. Und ab der iranischen Grenze führen gute Straßen bis zum Persischen Golf. Wenn nun alle Straßen fertig gestellt sind (ein Termin dafür ist noch nicht bekannt), dann liegt Sarandj wie eine fette Katze an der neuen Handelsroute und braucht nur noch das Maul aufzusperren, um die Mäuse einzufangen, die Zolleinnahmen.

Doch nun zu unseren Projekten. Der Neubau des Waisenhaus war bei unserer Ankunft, wie erwähnt, noch nicht fertig, aber wenn es so weitergeht, werden die Kinder im Mai umziehen können. Das ist auch dringend nötig, denn ihre trostlosen Lebensbedingungen haben sich eher verschlechtert als verbessert, weil sich die Jungs auf seltsame Weise auf jetzt 45 Kinder vermehrt haben. Ist es der undurchsichtige Leiter, ist es der Mullah, der für ständige Neuzufuhr von Kindern sorgt? Sind sie armen Familien abgeschwatzt worden? Gibt es Hände, die von ihren kärglichen Rationen auch noch abzweigen? Wir wissen es nicht. Hoch erfreulich ist jedoch, dass sich innerhalb der Provinzregierung ein Direktor für Soziales gefunden hat, mit dem Mariam im Gespräch in jeder Hinsicht Übereinstimmung feststellte. Die beiden waren sich einig, dass eine Frau gefunden werden soll, die das Waisenhaus zukünftig leitet. Es scheint sich also alles zum Guten zu wenden.

Auch bei unseren Projekten in der Oberschule von Sarandj läuft alles bestens. Die „Organisation demokratischer Frauen von Nimroz“ trifft sich regelmäßig in ihrem Versammlungsraum und kümmert sich aktiv um die Projekte. In der Teppichweberei wurde just bei unserer Ankunft der erste Teppich fertiggestellt in Form einer zweisprachigen und zweischriftlichen Landkarte von allen 32 Provinzen Afghanistans. Die Weberei wird jetzt auch Ausbildungsbetrieb. Wenn die beiden Weberinnen in einigen Monaten neue Gehilfinnen ausgebildet haben, wird die Frauenorganisation von den verbliebenen Spendengeldern neue Rahmen kaufen, und der Betrieb kann in einen bisher leer stehenden Trakt des Schulgebäudes verlagert und erweitert werden. Die Herstellung von Steppdecken und Stickerei von Borten und Kinderkleidern ist ebenfalls angelaufen. Nach Auskunft von Saleha Mehrzad, der Leiterin der Oberschule, „spricht sich langsam herum“, dass es in der Schule solche Dinge zu kaufen gibt. Noch besser läuft die Bäckerei, der Brotbedarf der rund 3000 SchülerInnen und rund 100 LehrerInnen ist weit größer als das Angebot. Die bisherige Bäckerin, die zuhause sieben Kinder und einen alten Mann versorgen muss, bekommt deshalb zwei Kolleginnen an die Seite gestellt. Alle drei sollen nach Beschluss der Frauenorganisation auf eigene Rechnung arbeiten.

Die bisherigen Projekte werden also ausgeweitet, außerdem kommt ein neues hinzu: eine Näherei. Von den noch vorhandenen Spendengeldern haben wir zusammen mit Schulleiterin Saleha zwei Nähmaschinen gekauft, eine billige und einfache für umgerechnet 20 Euro und eine teure Zickzackmaschine für 200 Euro. Damit können zwei Schneiderinnen die anspruchsvollen bortenverzierten roten Trachtenkleider der Belutschinnen herstellen.

Der einzige Wermutstropfen für uns war, dass Saleha Mehrzad, Seele und Motor all dieser Projekte, wahrscheinlich demnächst Richtung Kabul entschwindet. Sie will bei den Wahlen im September für das Parlament kandidieren, nicht im Rahmen einer Partei, sondern als Einzelperson. Wir haben deshalb zusammen mit der „Organisation demokratischer Frauen von Nimroz“ je eine Zuständige für jedes Projekt bestimmt, damit die Arbeit ungestört fortgeführt werden kann.

Saleha Mehrzad

Auch in der „Schule der Freiheit“ am Rande von Sarandj haben wir von unseren mitgebrachten 2000 Euro Spendengeldern ein neues Projekt gegründet: ein Kindergärtchen. Kindergarten kann man es nicht nennen, da es nur ein Zimmer für die Babies und Kleinkinder der Lehrerinnen sein wird, die bisher unter unmöglichen Umständen im staubigen Schulgebäude herumrobben. Wir überließen dem Lehrerkollegium die Entscheidung darüber, ob das Geld für das Anstreichen des kahlen Schulgebäudes verwendet werden soll oder für die Gründung des Kindergärtchens, und sie entschieden sich für letzeres. In der Schule fehlt es auch an vielen anderen Dingen, an Kies für den Schulhof, an Stangen für Ballspiele, an einem Eingangstor, aber wir hoffen hier auf eine Finanzierung durch die Provinzregierung, da wir nun wirklich nicht alles regeln können.

Zuguterletzt noch einmal ein herzliches Dankeschön an alle großzügigen Spenderinnen und Spender, die es möglich gemacht haben, dass das Projektgründen und -betreiben in Nimroz in hoffnungsvoller Weise weitergeht. Bitte helfen Sie uns weiter, die Wüstenblume Nimroz zu bewässern. Sie hat es verdient.

Ihre Ute Scheub